Stellungnehmen ist meistens falsch“, erfahren die Mitarbeiter einer psychiatrischen Klinik in einem Merkblatt. Jan Peter Tripp zitiert die Aussage in seiner Arbeit „Aus einem psychiatrischen Krankenhaus“ – ohne die Empfehlung zu befolgen: Er nimmt Stellung, ergreift Partei und berichtet mit detaillierten Zeichnungen, Skizzen, Texten, Photos vom Leben der Ausgesperrten, dokumentiert das während eines Aufenthaltes miterlebte psychosoziale Elend und läßt sich dabei ebenso persönlich wie differenziert ein auf die ihrer Menschenwürde beraubten Menschen. Seine auf verschiedenen Ebenen stattfindende künstlerische Auseinandersetzung mit dem Leben im Anstaltsgetto zählt unter den mehr als dreihundert Ausstellungsbeiträgen zu den zurückhaltenden, eher leisen, weniger plakativen Arbeiten und liefert dabei ein überzeugendes Beispiel für die Parteinahme eines Künstlers in unserer Zeit.

Auf dem Titel des Katalogs deutet ein erhobener Zeigefinger auf „Partei ergreifen“, und entsprechend deutlich legen auch die meisten der ausgestellten Gemälde und Graphiken, Plastiken und Objekte den Finger auf die Wunden gesellschaftlichen Verhältnisse: Gewalt und Unterdrückung, physische und psychische Folter, Berufsverbote und Umweltzerstörung, Ausbeutung des Menschen und der Natur. Zu sehen sind immer wieder die Grauen des Krieges und der „Krieg im Frieden“. Goyas Radierungen „Schrecken des Krieges“ werden gezeigt und Kienholz’ Tableau über die alltägliche Gewalt und Isolation in einem „State Hospital“ für Nervenkranke, Zeichnungen und Gemälde von George Grosz, Otto Dix und Gerd Arntz fehlen so wenig wie die kritischen Plakate des Klaus Staeck, Blätter von Daumier können mit Arbeiten zeitgenössischer Karikaturisten verglichen werden, Heinrich Zilles Bilder aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren mit denen der Berliner Realisten von heute.

An den nur zu oft unterschlagenen Seiten der Wirklichkeit führt in der Ausstellung kein Weg vorbei. Allerdings kann die gerade in dieser anpassungsbereiten, mutlosen Zeit so wichtige Zusammenstellung engagierter Kunst auch eine Gefahr nicht umgehen: Die massive Konfrontation mit Gewalt und Grausamkeit droht hier manchmal den Besucher zu erschlagen, oder (angesichts höchst unterschiedlicher Qualität) auch zu ermüden. Allgemeine Solidaritätsbekundungen fallen zwar auch dann noch leicht, doch solche Bekundungen können schließlich auch zur kaschierten Flucht werden vor konkreter Parteinahme und aktivem Engagement.

Daß Bilder Veränderungen bewirken – von dieser optimistischen Erwartung sind die an der Ausstellung beteiligten Künstler weitgehend frei. „Bilder werden die Probleme nicht lösen“, schreibt denn auch Thomas Grochowiak im Katalog, „aber sie können uns wach und hellsichtig machen, sie können unsere Abwehrkräfte gegen Unrecht und Gewalt stärken und uns Mut zu einem persönlichen Engagement und zur Solidarität mit Gleichgesinnten und Betroffenen machen.“ Und Bilder könnten, was in der Ausstellung jedoch nur selten zu erfahren ist, auch das: Lust machen zu solchem Verhalten, Lust, sie können Lust machen, sich an die Seite der Benachteiligten zu stellen und fern der Verletzungen ihre Stärken zu entdecken und zu zeigen – ohne damit gleich Ästhetisierung oder Romantisierung sozialer Mißstände zu betreiben.

Daß diese menschliche Dimension nicht auf Kosten kritischer Einsichten gehen muß und nicht nur bei den Klassikern engagierter Kunst möglich war, belegen unter anderem die Arbeiten des in Deutschland lebenden Türken Ohannes Tapyuli: Mit grauem Silberstift zeichnet er seine Landsleute, Heimatlose, Vereinzelte, umgeben von Koffern, allein, isoliert, ausgesetzt einer Gesellschaft, die sie als Arbeitskräfte braucht und verbraucht. Unaufdringlich ergreift Tapyuli Partei für sie und macht betroffen – in Bildern, die nicht eine unschöne Situation verschönen, sondern auf etwas anderes deuten: auf die Qualitäten der als Menschen Mißachteten, neben denen schon für Käthe Kollwitz die Menschen aus dem bürgerlichen Leben „ohne jeden Reiz“ waren. „Schön war für mich der Königsberger Lastträger, schön waren die polnischen Jimkies auf ihren Witinnen, schön war die Großzügigkeit der Bewegungen im Volke“, schrieb sie einmal, und: „Das ganze bürgerliche Leben erschien mir pedantisch.“

Der Verweis auf die anderen Qualitäten, der Mut auch zur Utopie, zum Entwurf einer Welt, für die der Einsatz lohnt – auch das könnte dazu gehören, wenn es heißt, „Partei ergreifen“. Denn wofür, fragt der mit der 1928 entstandenen Zeichnung „Proletarier“ in der Ausstellung vertretene Franz Frank, dessen Landschaften und Stilleben den politischen Freunden einst nicht kämpferisch genug waren, „wofür sollten denn die Proletarier kämpfen, wenn es nicht so etwas wie diese Rosen gäbe?“ Der Mangel an Rosen: ein Mangel nicht allein der Recklinghauser Ausstellung. (Städtische Kunsthalle bis 28. Juni, Katalog 15 Mark.) Raimund Hoghe