Von Paul Moor

Die meisten der 20 471 Einwohner von Tupelo im Bundesstaat Mississippi sagen, in ihrem Städtchen geschehe nie etwas. Wirklich nie? Der Name Tupelo läßt an die Indianer Mississippis zurückdenken, von denen nur wenige überlebt haben; auf der Landkarte von Mississippi aber finden sich ihre Namen noch heute, und sie haben den pulsierenden Klang von Indianertrommeln: Tupelo, Tishomingo, Itawamba, Pontotoe, Chichasaw, Choctaw, Tallahathie, Coahoma, Yalobusha, Toccopola, Wenasoga.

Bald nach dem amerikanischen Bürgerkrieg hatte Mississippi bei schwarzen Amerikanern den Ruf, der unfreundlichste aller 45 Bundesstaaten zu sein. Indessen schien sich Tupelo der Entscheidung des Supreme Court in Washington (oberstes Bundesgericht) im Jahre 1954 gegen die Rassendiskriminierung fügen zu wollen – vielleicht deswegen, weil in Tupelo auf jeden Schwarzen vier Weiße kommen, während dieses Verhältnis in vielen Gemeinden Mississippis gerade umgekehrt ist. Zwei Ereignisse verschafften Tupelo in diesem Jahrhundert überregionale Aufmerksamkeit: der große Tornado von 1936, der 212 Menschen tötete und 800 Häuser vernichtete, und der mit weltweitem Ruhm verbundene Aufstieg von Elvis Presley, der hier geboren wurde.

Seit 1972 habe ich Tupelo in jedem Jahr besucht. Meine Eltern haben sich nach fünf Jahrzehnten in Texas, wo ich herkomme, dorthin in ein Altersheim zurückgezogen. Dieses Jahr kam ich am 5. Mai aus Berlin in New York an, und ich war erstaunt, am nächsten Morgen in der ersten Nachrichtensendung den Namen Tupelo zu hören: In Tupelo wollten die Schwarzen, die dort schon die Geschäfte der Weißen boykottierten, einen Protestmarsch veranstalten, und der stockreaktionäre rassistische Ku Klux Klan hatte bekanntgegeben, seine Mitglieder stünden Gewehr bei Fuß, um der Polizei mit „Verhaftungen“ zu helfen für den Fall, daß sie irgend etwas „Gesetzwidriges“ beobachten sollten. Sechs Tage später kam ich in Tupelo an, und in der Nacht erlebte ich meinen ersten Tornado. Tupelos ersten seit der Katastrophe von 1936. In Tupelo geschieht nie was?

Im Nordosten von Mississippi habe ich viele Verwandte, aber die meisten von ihnen wußten so gut wie nichts über die gespannte Situation in Tupelo; sie hatten allenfalls vom schwarzen Boykott gehört, und den nahmen sie den Schwarzen übel. Um die Lage in Tupelo zu analysieren, müßte man bei dem vor Jahrhunderten so begeistert betriebenen Geschäft mit afrikanischen Sklaven beginnen, für unser Verständnis jedoch genügt das letzte Kapitel dieser Geschichte in Tupelo, das am 16. März 1976 begann.

An diesem Tag verhafteten zwei Detektive der Tupeloer Polizei, Dale Cruber und Roy Sandefer, den schwarzen Eugene Pasto und klagten ihn wegen eines Fälschungsdeliktes an. Bei seiner Verhaftung fanden sie ihn zusammen mit einer Weißen. Nach dem Verhör unterzeichnete Pasto ein volles Geständnis und einen Verzicht auf seine Rechte. Erst vier Tage später durfte er telephonieren; er rief den Rechtsanwalt Kenneth Mayfield an, einen Schwarzen. Als Mayfield Pastos Zustand sah, machte er Photos von ihm und verklagte die Detektive Cruber und Sandefer sowie fünf weitere Polizisten, die Pasto geschlagen und getreten hätten, bis er zum Unterschreiben bereit gewesen sei, auf 200 000 Dollar Schadensersatz.

Pasto berichtete, die Polizisten hätten ihm gesagt, wegen seiner weißen Freundin werde er „Mississippi nicht lebend verlassen“. Überdies habe er drei Tage lang keine ärztliche Behandlung seiner Kopf-, und Nacken- und Gesichtsverletzungen bekommen; erst als er Symptome von Rauschgiftentziehung vorspielte, habe ihn die Polizei ins Krankenhaus gebracht. Dort jedoch habe ihm ein Arzt lediglich gesagt: „Es sieht so aus, als wenn Sie Ihren Kopf irgendwo gehabt haben, wo er nicht hingehörte“, habe sich dann aber nicht weiter um ihn gekümmert. Fast zwei Jahre später, erst am 24. Januar 1978, entschied der Bundesrichter Orma Smith in Oxford zugunsten von Eugene Pasto; er fand die Photoaufnahmen von Rechtsanwalt Mayfield glaubhaft und überzeugend, und er verurteilte die Polizisten Cruber und Sandefer, ihrem Opfer Eugene Pasto wegen der ihm zugefügten Körperverletzung 2500 Dollar zu zahlen.