September 1977, eine Notiz im Proben tagebuch zu Claus Peymanns Stuttgarter Inszenierung der „Iphigenie“: „Von Anfang an hat Hans Mahnke zur Sprache eine direkte Beziehung. Bei ihm ist die Gefahr, mit der Sprache in unverbindliche Bereiche zu kommen, von vornherein ausgeschaltet, weil er überhaupt nicht probieren kann, wenn er nicht für sich die Realität in der Sprache gefunden hat. Das ist beispielgebend für die anderen Schauspieler.“

Das ist die knappste, sachlichste, deshalb richtigste Liebeserklärung, die ein Ensemble für seinen ältesten, größten Schauspieler abgeben kann. Hans Mahnke spielte den Arkas (unser Photo), den Boten des Königs Theas: zwei kurze Auftritte, eine „Nebenrolle“ – doch spielte sie so, daß er (diskret, doch unerbittlich) auch die Grenzen der schönen, menschenfreundlichen Peymann-Inszenierung aufdeckte. Allein Mahnke, in der Rolle eines alten Mannes, den sein König zum Liebesboten, zum Brautwerber bei Iphigenie ausersehen hat, machte auch die Fremdheit, Ungeheuerlichkeit von Goethes Menschlichkeits-Märchen begreifbar; er allein sprach (sang, flüsterte) Verse, ließ sich nicht ein auf die in dieser (wie in fast jeder Klassiker-Bemühung heute) herrschende Methode, Lyrik in privatistische Prosa zu zerkleinern, einer fremdgewordenen Sprache durch betonte Unbefangenheit und Nettigkeit ihre Schrecken zu nahmen. Die Lüste (und die List) des alten Kupplers – und die Ängste eines alten Mannes, daß sein Land Tauris in Barbarei und Mord zurückfallen könnte, die utopische Heiterkeit des Stückes und sein reales Grauen: Mahnkes Auftritt war „beispielgebend für die Schauspieler“; für alle, die sich auf die alten Stücke einlassen und bei dieser wahrhaft unheimlichen Begegnung nun nicht mehr einfach sagen können, alles sei ja im Grunde ganz einfach, wenn man nur genügend heiter und unerschrocken an die Klassiker herangeht.

Hans Mahnke war also auch ein pathetischer Schauspieler – freilich war sein Pathos nicht das bewußtlos-tönende des Hof- und Staatsschauspielers, sondern eher das verwilderte Pathos des ewig Umhergetriebenen, des Clochards. Ein pathetischer (das heißt leidender, leidensfähiger) Schauspieler – aber genauso ein präziser und ein proletarischer. Keiner vom Fach „stille Größe“, wie jetzt ein paar Nachrufe behaupten; kein liebenswerter Kauz, sondern ein immer auch erschreckender, sich selbst und seine Zuschauer verletzender alter Mann: er war (bei Peter Zadek in Bochum) der erste, der dementierte, daß Shakespeares Shylock ein Verwandter von Lessings weisem Nathan sei. Daß dieser Shylock eine Schreckensfigur ist, ein furchtbarer Mensch (und Geschäftsmann), nicht der edle leidende Staatstheater-Jude – das konnten so schockierend nur ein furchtloser Regisseur und ein furchtloser Schauspieler zusammen zeigen. Alter – das war für Mahnke kein Zustand höherer Würde und Weisheit, sondern erst einmal eine physische Tatsache, ein Schrecken. Der Verfall alter Männer, ihre Hinfälligkeit und ihre Lebensgier, ihr Kindlich- und ihr Kindischwerden, ihre Unheimlichkeit: Mahnke hat Auskünfte über Figuren gegeben, keine Tröstungen.

Das Theatertreffen in diesem Jahr wäre sein Festival geworden: dreimal in drei Stuttgarter Aufführungen sollte er auftreten, als Arkas, als jüdischer Kaufmann im „Rotter“, als Museumswärter in der „Trilogie des Wiedersehens“. Diesen Triumph hat er nicht mehr erlebt. Während man ihn in Berlin sehr vermißte, oft an ihn dachte, oft von ihm sprach, ist Hans Mahnke, 73 Jahre alt, in Stuttgart gestorben. Benjamin Henrichs