In meinem Leben mußte ich drei Hinrichtungsprotokolle lesen; davon zwei schon in der Ausbildung als Referendar bei der Staatsanwaltschaft in Altona. Was dort in trockenem Bürodeutsch stand („...der Verurteilte wurde um 6 Uhr 2 Minuten in seiner Zelle gefesselt und zur Hinrichtungsstätte geführt. Er leistete keinen Widerstand. Der Staatsanwalt verlas das rechtskräftige Urteil und fragte den Verurteilten, ob er noch etwas zu erklären hätte. Der Verurteilte erklärte nichts. Daraufhin übergab der Staatsanwalt den Verurteilten dem Scharfrichter. Dieser meldete um 6 Uhr 5 Minuten die vollzogene Hinrichtung...“), hat mich Jahre verfolgt; seitdem bin ich entschieden Gegner der Todesstrafe.

Damals wurde den Referendaren eingeschärft: Der Staatsanwalt, der vor dem Gericht die Todesstrafe beantragt hat, muß auch die Vollstreckung leiten; sich diesem schlimmen Dienst zu entziehen, galt als schimpflich. Hatte der Oberstaatsanwalt den Antrag gestellt, so mußte er selbst mit zum Schafott; er durfte nicht einen seiner Staatsanwälte schicken.

Als ich mein Examen bestanden hätte, bot mir 1932 der Generalstaatsanwalt in Kiel die Übernahme in die schleswig-holsteinische Staatsanwaltschaft an; in der damaligen wirtschaftlichen Unsicherheit ein verlockendes Angebot. Aber je einer Hinrichtung beiwohnen, den Verurteilten „dem Scharfrichter übergeben“ zu müssen? Hätte Filbinger sich gedrückt, so würden seine Kritiker ihm eben das vorwerfen, und mit Recht.

Das Protokoll der Hinrichtung ist also aus der Diskussion um Filbinger zu streichen. Die Darstellung von Hinrichtungen, die Abbildung von Hinrichtungswerkzeugen geschieht häufiger aus Sensationslust, als um gegen die Grausamkeit des Vollzugs zu protestieren. Vielleicht bin ich zu empfindlich und verstehe nur deshalb überhaupt nicht, daß Filbinger – wenn auch in der Zeit des Massentodes – das entsetzliche Ereignis vergessen konnte, wie er ja wohl in erstem Schrecken behauptet hat. Daß ein gerade in seiner Unordentlichkeit harmloser Mensch sterben mußte, ist schrecklich. Nun hat Filbinger behauptet und durch das Zeugnis der Beteiligten bewiesen, daß er in anderen Fällen auch unter eigenem Risiko dem Tode Verfallene gerettet hätte. Warum er denn nicht auch den unglücklichen Matrosen Gröger vor dem unverdienten Tod bewahrt habe? Antwort Filbingers: Er habe mit seinen Kräften und Möglichkeiten haushalten müssen. Das hatte mir auch zustoßen können. Ja, es ist mir zugestoßen.

Und zwar so: Ein besonders widerlicher Nazi, Julius Streicher, Gauleiter von Nürnberg, gab den „Stürmer“ heraus. Geschickt (und wohl zum ersten Male in der deutschen Publizistik) wurde in diesem Wochenblatt Politik mit Pornographie garniert; die ständige Diskussion um „Rassenschande“ gab dazu genug Gelegenheit. Eines Tages wurde im „Stürmer“ unter der Überschrift (etwa): „Sie verteidigen Juden“ drei Anwälte genannt; darunter mein Name mit einigen jüdischen Klienten, die ich in Zivil- und Strafprozessen vertreten hatte.

Nach 1933 hatte es sich in der Tat ergeben, daß in der Praxis meines Vaters oft Leute beraten wurden, die dem Dritten Reich fernstanden oder, wie die Juden, als Feinde behandelt wurden. Das war nicht gefährlich, hatte aber seine Schwierigkeiten. Man hatte sich ein Netz von Vertrauensleuten aufgebaut, die bis in die höchsten Stellen hineinreichten. Die Sozialdemokraten waren aus jenen Ämtern entfernt, aber die alten Konservativen erwiesen sich überraschend als zuverlässige Bundesgenossen. Man konnte sogar in die Partei und die NS Verfolgungsbehörden (Gestapo) wirken; Man bezahlte; bestechlich waren die Kerle nämlich auch. So haben wir manches Ding gedreht, die Grenzen der damaligen Legalität tunlichst beachtend; hilfreich für jene, die auswandern und etwas Geld mitnehmen wollten, die vor einer Strafverfolgung oder gar vor dem KZ bewahrt werden sollten.

Jene Notiz im „Stürmer“ konnte zwar uns kaum gefährlich werden, aber sie schreckte die „Verbindungsleute“ ab; der Umgang mit uns belastete fortan. Also mußten wir vorsichtiger sein, auswählen, wem wir helfen konnten. Das wurde entsetzlich in den Tagen, in denen die Juden (mit gelbem Stern links auf der Brust) ins Büro kamen und von ihrer bevorstehenden Deportation berichteten. Da konnte man einigen noch helfen, durch dreiste, Behauptungen, manchmal auch durch falsche Papiere. So sah man es schon als Erfolg an, wenn einem die Gestapo den Abtransport nach Theresienstadt zusicherte statt gleich nach Auschwitz. Wenn man nicht helfen konnte, und das war meist der Fall, verabschiedete man sich mit zuversichtlichem Gesicht und steinernem Herzen.

Die Last der Auswahl hat uns damals getroffen, und ich bin nicht bereit zu behaupten, daß Filbinger ihr hätte entgehen können. Man kann nicht stolz sein auf die Fälle, wo man helfen konnte; aber ich fühle keine Schuld, wo man es nicht zu können meinte.

Aber Hinrichtungen wenige Wochen vor Kriegsende? Da ist nicht zu vergessen, daß gerade in jenen Tagen – das genaue Ende stand ja keineswegs fest, wir hatten schon seit Stalingrad gehofft – der Krieg besonders mörderisch war. Die zusammenbrechende Front im Osten kostete noch Zehntausende das Leben, Hunderttausende warteten auf Evakuierung; ihr Schicksal hing auch davon ab, daß die Front hielt, auch die Front in Norwegen. Ich kann mir den Befehlshaber in Norwegen nicht vorstellen, der gesagt hätte: „Nun lassen wir jeden laufen, wie er will.“ Da stand in jedem einzelnen Fall das Leben ebenso unschuldiger deutscher Soldaten auf dem Spiel.

Haßerfüllt, wie ich auf das Nazi-Regime war, hätten mich damals die deutschen Soldaten vielleicht wenig gekümmert; „Sie haben ja selber schuld“. Gröger wäre mir vielleicht noch als Widerstandskämpfer erschienen, wäre mir jedenfalls sympathischer gewesen als jeder deutsche Offizier, der den „Widerstand gegen den Feind“ befahl.

Da habe ich aber heute nicht die Kraft, Filbinger zu sagen: Zwei hast Du gerettet, da hättest Du auch den dritten retten können. – Wie schwer es damals war, auch in den letzten Tagen, aus der „Disziplin“ auszubrechen, das hat ein Antifaschist in einem großen Buch dargestellt: Alfred Andersch in „Winterspelt“.

Da ich, als Jurist, nur drei Monate Richter war und jetzt 45 Jahre Anwalt und Verteidiger bin, hätte ich im englischen Kriegsgefangenenlager sicher nicht den Kriegsrichter abgegeben. Aber festzuhalten ist, daß in Schleswig-Holstein (wo wir es genau beobachten konnten) gerade die Engländer auf „Disziplin“ hielten. Vor einem englischen Militärgericht wäre Kurt Olaf Petzold nicht besser gefahren.

Das alles ist heute nicht mehr verständlich zu machen. Filbinger macht es einem allerdings schwer. „Was damals Rechtens war, kann heute nicht unrecht sein“, hat er sich verteidigt – ein „schrecklicher Rechtspositivismus“ (Hans Mayer, ZEIT Nr. 22). Hitlers Gesetze und seine Methode, vorgefundene Gesetze anzuwenden, konnte man als Tatsachen berücksichtigen, Recht waren sie nie. Filbingers Fehlurteil wiegt da schwer.

Aber auch ich müßte, würde ich mich um ein Staatsamt bewerben, nachweisen, wem und warum ich meine Hilfe in jener Zeit versagt hätte. Das sagte mir jetzt in der Diskussion um Filbinger ein Sozialdemokrat, der wegen seiner Intelligenz und Redlichkeit in hohem Ansehen steht. Aber, meinte ich, auch Herbert Wehner, obwohl früher Kommunist, sei ein guter und wichtiger Mann der deutschen Politik; doch könne man ihn nicht als Beispiel für Filbinger hinstellen. Er hat dem Kommunismus selbst unter Stalin angehangen – in einem System, das an Tücke und Grausamkeit das Hitlerische übertraf; er glaubte, am Ende dieser schlimmen Entwicklung stünde eine gerechte Welt. Über seinen Irrtum hat er uns ausführlich unterrichtet. Auf mehr hatten wir nicht Anspruch, diesen auch nie erhoben. Aber selbst das konnte Filbinger nicht leisten, denn er war 1945 als Gegner des Systems ausgewiesen.

Aber Filbinger sei doch „ganz schrecklich konservativ“, wurde mir da entgegengehalten. Wenn „rechts“ und „konservativ“ moralische Kriterien sein sollen – manchmal hat man durchaus den Eindruck –, dann ist die demokratische Verständigung freilich zu Ende. Das in der Tat könnte eine Folge des Streites um Filbinger sein.

Inzwischen werden wir Alten uns damit abzufinden haben, daß über uns jene urteilen, die den Nazismus und den Kommunismus nicht am eigenen Leibe erlitten. Sie haben zwar nicht recht, aber ihnen gehört die Gegenwart.