Jetzt tremolieren sie wieder, die Herren. Warum? Weil Fußball-Zeit ist. Nicht einfach Fußball-Saison oder Länderspiel oder Europa-Cup oder Cup der Cupsieger oder wie die Myriaden von Wettbewerben sonst so heißen, die zum Kräftemessen in der Kunst des Fußballs erfunden wurden. Es ist, vergessen sind die vier Jahre zwischen jetzt und München, die hohe Zeit der Fußballweltmeisterschaft, und diese 25 Tage zwischen dem Eröffnungs- und dem Endspiel sind für manche Männer so etwas wie für andere Gläubige die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten – was den einen die Himmelfahrt, ist den anderen die eigene Levitation. Welchen anderen? Den Herren, die sonst dem Spätwerk von Thomas Mann nachsinnen oder den Komplikationen einer Inszenierung von Rudolf Noelte oder der Ästhetik des Schreckens oder den Unterschieden zwischen der römischen und der florentinischen Küche und die jetzt, aus Anlaß der argentinischen Tage, verschwenderisch ihre Seelen vor uns ausbreiten. Denn im Gegensatz zu den Millionen Menschen, deren Anspannung der Gefühle sich vor dem Fernseher nur in Seufzern, Juchzern, Jubel- oder Schimpfworten zu lösen vermag oder auch im Unterschied zu hauptberuflichen Sportkommentatoren gab jenen anderen ein Gott zu sagen, was sie leiden. Und lieben.

Daß Fußball nicht nur ordinären Schweiß hervortreibt und unartikulierte Rufe der Schlachtenbummler provoziert, sondern auch Anlaß ist für komplizierte Gedanken und feine Sätze, weiß man ungefähr seit jenem Roman von Peter Handke, der eine Fußballszene in die Titelliste der Literatur brachte: "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1971). Nach diesem Roman, mit dem ein esoterischer Schriftsteller den Fußball literaturfähig und seine Kennerschaft publik gemacht hatte, brach eine Zeit des Bekennens aus unter den Geistern des Landes. Und der nächste aus dem Reich des Fußballs inspirierte Titel rechnete dann gleich mit dem Verständnis der total Eingeweihten: "Netzer kam aus der Tiefe des Raumes" hieß der zur Weltmeisterschaft 1974 bei Hanser erschienene Aufsatzband, in dem – Fußball, schöner Götterfunken – die Trainer Derwall und Weisweiler und Schön neben Walter Jens und Ludwig Hang und Wolf Wondratschek Seite an Seite schrieben. Der Titel aber war ein Zitat aus einem Artikel des Theater- und Literaturkritikers Karl Heinz Bohrer. Und in der FAZ von 27. Mai 1978 horcht Bohrer dem Klang, "dieser Zeile, die war vor fünf Jahren an dieser Stelle zelebrierten" bewegt nach, um zu einer Elegie anzusetzen: "Kein Netzer mehr aus der Tiefe des Raums." Da der deutsche Fußball ja vielleicht wieder besseren Zeiten entgegensieht, kann daraus noch eine Trilogie werden. Der Leidenschaft.

Es ist eine Leidenschaft, die, um sich als solche zu legitimieren, in einen wahren Taumel der Präzision ausbricht und auch auf die lange Genesis des Kennertums nicht verzichtet. "Wembley war, der unerreichbare Ort, seit mein Vater mich Ende der dreißiger Jahre mitnahm zum VfL Köln-Sülz, wo er linker Läufer spielte", schreibt Bohrer in einem (anderen) "Nachruf auf die schönen Verlierer". "In der wirklich 1. Minute jenes Finales, das hatte es nie gegeben, verhängte Herr Ternieden aus Oberhausen ein Foulelfmeter gegen den VfB Stuttgart", erinnert Peter Iden 1977 zu Beginn einer Theaterkritik über Hölderlin ein Fußballspiel von 1953. "Schein (Buenos Dias Argentina) und Sein (Fußball im Schatten der Bajonette), Ideologie (zum Fußballtoto gehört die Spielbank") beschwor vergangene Woche Walter Jens in einer Fernsehkritik.

Will sagen wir wissen, daß jetzt, daß in diesen Tagen von Argentinien der Weltgeist es wieder wagt, sich leidenschaftlich und lustvoll zu verstricken. Hohes Pathos und detailfreudiger Volksliedton, Weltumarmungsgebärde und Liebeserklärung, Mythologisierungs- und Souvenierseligkeit, alles ist erlaubt, nichts ist peinlich oder passé.

Erinnern wir uns: Am Anfang waren es der Hergott, die Frau, die Natur, denen Leidenschaft galten und Ehrfurcht, gefaßt in mal mehr und mal weniger ziselierte Geständnisse. Dann kam das Vaterland dazu. Und nun der Fußball. Aber vielleicht würde Novalis ja heute auch keine "Hymnen an die Nacht", sondern solche an den Ball schreiben. Petra Kipphoff