/ Von Karl-Heinz Janßen

Drei Tage lang suchte Fürst Bismarck nach einem treffenden Wort, das seine Rolle auf dem europäischen Friedenskongreß, dem er präsidieren sollte, unmißverständlich umschrieb. Der Reichskanzler, ein Meister nicht nur des politischen Stils, nahm seine Verantwortung für die deutsche Sprache nicht weniger ernst als einst Luther bei der Bibelübersetzung. Die Suche hat sich gelohnt: Bismarck erfand ein geflügeltes Wort, das mit dem Berliner Kongreß so unlösbar verbunden ist wie das Gemälde des Hofmalers Anton von Werner; In seiner großen Rede vor dem Reichstag, auf die alle europäischen Regierungen mit Spannung warteten – drohte doch auf dem Balkan ein Krieg zwischen den anderen Großmächten –, ließ er es beiläufig, mit leiser Ironie einfließen: „Die Vermittlung des Friedens denke ich mir nicht so, daß wir nun bei divergierenden Ansichten den Schiedsrichter spielen und sagen: So soll es sein, und dahinter steht die Macht des Deutschen Reiches, sondern ich denke sie mir bescheidener, ja – ohne Vergleich im übrigen stehe ich nicht an, Ihnen etwas aus dem gemeinen Leben zu zitieren – mehr die eines ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zustande bringen will.“

Im Protokoll ist „Heiterkeit“ vermerkt, und geschmunzelt haben wird auch Bankier Bleichröder, als er Bismarck hernach sagte, einen ehrlichen Makler, den gebe es nicht. Aber in den Schulbüchern hat sich die Legende festgesetzt, die den Vorvätern lieb und teuer wurde: Aus dem Mann von Blut und Eisen war der Friedenskanzler geworden, der das europäische Gleichgewicht für eine Generation lang wiederherstellte. Nie wieder ist Deutschland so geachtet gewesen, sein Kanzler so bewundert worden wie auf dem Berliner Kongreß. Doch die Geschichtsforscher dies- und jenseits der Grenzen sind sich längst nicht mehr einig, ob das Gipfeltreffen, wie man heute sagen würde, wirklich den Höhepunkt in der politischen Laufbahn Bismarcks bedeutet oder nicht vielmehr das Scheitern seiner Außenpolitik, ja der europäischen Sicherheitspolitik überhaupt. Hat es der Altkanzler im Sachsenwald auch so empfunden? Der Berliner Kongreß, so hat er einmal gesagt, sei „die größte Torheit“ seines politischen Lebens gewesen.

Hinterher ist leicht reden. In der Situation der Jahre 1875/1878 sah Bismark keine andere Möglichkeit, wollte er nicht seiner Aufgabe untreu werden, die er sich nach der Reichsgründung gesetzt hatte: den jungen deutschen Nationalstaat von allen Händeln dieser Welt fernzuhalten. Er (und mit ihm mehr oder weniger unbewußt alle Deutschen) litt bereits unter dem cauchemar des coalitions, dem Alpdruck der Einkreisung durch die benachbarten europäischen Großmächte, die auf das waffenstarrende Vierzig-Millionen-Volk in der Mitte des Kontinents mit unbehaglichen Gefühlen schauten.

Bismarck plagte in jenen Jahren, in denen es mit seiner Gesundheit nicht zum besten stand, der Gedanke, daß es ohne ihn drei Kriege – die von 1864, 1866 und 1870 – nicht gegeben hätte, 80 000 Menschen nicht umgekommen wären und Eltern, Brüder, Schwestern, Witwen und Liebsten nicht trauerten. Er wollte wirklich den Frieden, um fast jeden Preis. Krieg galt zwar allen Kabinetten als ultima ratio, war noch nicht durch internationale Gesetze verfemt, aber die großen europäischen Völker hatten in jenem Jahrhundert genug davon erlebt. Nun aber, nach dem plötzlichen Aufstand der südslawischen Untertanen des türkischen Sultans, 1875 in Bosnien und der Herzegowina, 1876 in Bulgarien, nach dem allgemeinen Balkankrieg und dem folgenden russisch-türkischen Krieg zog ein Konflikt zwischen Deutschlands Freunden – Rußland, Österreich, England – herauf, in dem dann Bismarck wohl oder übel hätte Stellung beziehen müssen.

Verachtung für „Hammeldiebe“

Bismarck sah sein ausgeklügeltes Friedens- und Sicherheitskonzept gefährdet. Was ihm als Bild vorschwebte, hat er 1877 im „Kissinger Diktat“ niedergelegt: „nicht das irgendeines Ländererwerbs, sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“. Unausgesprochen hieß das: Deutschlands Großmachtstellung, sein Anspruch auf Vorherrschaft beruhte einzig auf den Widersprüchen der anderen. Deshalb mußte Bismarck dauernd auf dem Quivive sein, damit nicht zwei der anderen vier Großmächte so intim miteinander wurden, daß die übrigen sich politischen oder militärischen Druck gegen das Reich hätten erlauben dürfen.