Von Heinz Blüthmann

Ein Blick in die Alptraumkiste deutscher Automobilbosse: Im Jahre 1990 sind die zehn meistverlangten Autotypen hierzulande nicht mehr, wie heute, heimischer Herkunft, sondern in Japan gebaut. Die Renommiermarken „Made in Germany“ sind, da technisch von den fernöstlichen Autobauern längst überholt, fast ganz vom Markt verschwunden. Daimler-Benz produziert für unbeirrbare Liebhaber des „guten Sterns auf allen Straßen“ noch kleine und teure Mercedesserien im lohnkosten-günstigen Ausland, ihre Elektronikteile stammen aus Japan.

BMW hat – in diesem bösen Traum – als eigenständiger Autoproduzent ganz aufgegeben. Die Weiß-Blauen liefern nur noch ihre berühmten Motoren für den Einbau in japanische Karossen. Und VW ist gerade dabei, die Reste seiner hiesigen Pkw-Produktion in das US-amerikanische New Stanton zu verlegen. In Wolfsburg soll nur noch die Hauptverwaltung bleiben und die Entwicklung der Modelle.

Solch düstere Vision vom Niedergang feinster deutscher Industrie hat (noch) wenig mit der Wirklichkeit zu tun – wenigstens in der Automobilbranche. In einer anderen deutschen Traditionssparte jedoch ist das Horror-Gemälde bittere Realität für Firmen mit kaum weniger klangvollen Namen: Statt Daimler-Benz, BMW und Volkswagen heißen sie Leitz-Leica, Zeiss und Rollei.

Die drei weltberühmten Firmen waren einst, jede für sich, ein Synonym für unübertroffenen Erfindergeist und Präzision „Made in Germany“. In den vergangenen zehn Jahren sind sie Opfer japanischer Überlegenheit in einem Markt geworden, den sie vor einem halben Jahrhundert mit technischen Glanzleistungen selbst „erfunden“ haben: dem Markt der anspruchsvollen Kleinbildphotographie.

Denn nicht die Deutschen mit der ruhmreichen Vergangenheit profitieren von der mit jährlich gut zehn Prozent wachsenden Nachfrage nach den mit Zubehör im Durchschnitt rund tausend Mark teuren Spiegelreflex-Kameras, sondern die Fernost-Produzenten. „Wer heute eine erstklassige Kamera will, die technisch auf der Höhe der Zeit ist“, so sagt es ein großer Hamburger Photohändler, „der greift natürlich zu den japanischen Spitzenmarken Canon, Minolta, Nikon, Asahi, Yashika oder Olympus“. Nur Kunden, die gar nicht auf den Preis zu achten brauchen, entscheiden sich auch einmal für die viel teurere Leica, die „noch beste deutsche“.

In dieser Woche nun wird auch der Stolz der traditionsreichen Wetzlarer Kamerabauer von Leitz, die erst 1976 auf der Photokina vorgestellte erste elektronische Leica „K3“, schon wieder alt aussehen. Denn Canon, der führende Produzent Nippons, macht mit seinem jetzt an die Händler gehenden neuen Modell „A-1“ einen weiteren technologischen Sprung nach vorn, den – lediglich Minolta und ein weiterer japanischer Konkurrent, aber bestimmt nicht Leitz, so schnell mitmachen können.