Venedig ist eine Stadt der Melancholie oder Verzauberung, deren greifbarste Wirklichkeit ihre unwirkliche Atmosphäre ist. Dieses Paradox lastet auf einer Reihe von Problemen, die so kompliziert und vielschichtig sind, daß ihre Lösung, vorsichtig ausgedrückt, schwierig ist.

Was zum Beispiel ist von der einstigen Größe Venedigs geblieben? Sehr wenig, leider: Diebeiden großen kulturellen Institutionen – die „Biennale“ und das „Teatro La Fenice“ – sind, auf Kosten ihres kulturellen Gehalts, zu politischen Zankäpfeln geworden. Die fortschrittlichen politischen Kräfte beginnen – hoffentlich nicht zu spät – zu erkennen, daß eine präzise Planung der kulturellen und organisatorischen Kapazitäten nötig ist, um dieser Art von Veranstaltungen Leben und Niveau zu geben. Das Ergebnis des bisherigen Mismanagements jedenfalls ist, um es offen zu sagen, durch und durch zweitklassig.

Glücklicherweise ist nicht das gesamte Bild so düster. Mehr an der Basis und in verzweigteren Aktionen hat der neue Direktor für Schöne Künste und Kultur, Franco Miracco, in dem einen Jahr seiner Amtszeit bereits viel getan, um Venedig seinem sprichwörtlichen Tod zu entreißen. Als Vorsitzender dreier Kommissionen – für Theater, Film und Musik – plant und koordiniert er Veranstaltungsprogramme mit den einzelnen Bezirksräten. Außerdem hat er die Re-Stauration und Katalogisierung der Bestände zahlloser und bisher jammervoll vernachlässigter städtischer Museen eingeleitet; nach Abschluß der jeweiligen Arbeiten sind Ausstellungen geplant.

Eines dieser Museen ist der Palazzo Fortuny. Mariano Fortuny war um die Jahrhundertwende ein leidenschaftlicher, aber wählerischer Sammler, ein Connaisseur kostbarer Stoffe und Materialien und ein einfallsreicher Photograph. Über tausend Photoplatten, die seinen exotischen (und erotischen) Geschmack demonstrieren, sind der Nachwelt erhalten; viele davon sind jetzt zum allererstenmal abgezogen worden und können ab 30. Juni täglich, außer sonntags, von 9 bis 13 Uhr besichtigt werden – man sollte sie sich nicht entgehen lassen.

In diesem Jahr feiert Venedig zwei seiner berühmtesten Persönlichkeiten: Vivaldi, aus Anlaß seines 300. Geburtstags, und Giorgione zu seinem fünfhundertsten. Siebzehn öffentliche Institution nen haben sich an der Organisation der Vivaldi-Feiern beteiligt, die im Februar begannen und noch bis zum November andauern. Am 10. Juni gibt es in der St.-Agnes-Kirche ein Vivaldi-Bach-Orgelkonzert; am 24. Juni im Dogenpalast ein Konzert mit Kammermusik von Vivaldi, gespielt vom „Ensemble di Venezia“, und am 30. Juli Kantaten für Solostimme, Chor und Orchester, ausgeführt vom „Orchestra da Camera Antonio Vivaldi“ in den „Cantori Veneziani“. Zwei der fünf Ausstellungen im Rahmen der Vivaldi-Feiern werden am 24. Juni eröffnet: „Musikalische Aktivitäten in den großen Ospedali“, ein eigenartiges, aber interessantes Thema, (im „Ospedaletto“) und „Vivaldi und der Umkrejs der venetianischen Musik“ (im „Ärdiivio di Stato“),

Giorgiones Geburtsort Castelfranco Veneto ist ein reizvolles Städtchen, eine halbe Stunde von Venedig entfernt. Hier findet der erste Teil der Giorgione-Feiern statt. Zwei Ausstellungen sind bis Ende September zu sehen: Die eine bietet eine detaillierte Analyse des berühmten Gemäldes „La Pala“, mit einer exakten Dokumentation all dessen, was moderne Röntgentechnik ans Licht bringen kann (9 bis 12.30 und 15 bis 17 Uhr; ausgezeichneter Katalog, erschienen bei Electa). Die zweite, weniger engumrissene Ausstellung nennt sich „Die Zeit Giorgiones“ – Katalog von Alinari. Vorträge sowie Musik- und Theaterveranstaltungen ergänzen die Giorgione-Feiern in Castelfranco. Im Spätsommer (das Datum steht noch nicht fest) wird dann die Stadt Venedig dem großen, schwer zu deutenden Künstler ihre Reverenz erweisen mit einer Ausstellung in den „Gallerie dell’ Accademia“, die in Zusammenarbeit der venezianischen Galerien und der Leningrader „Eremitage“ entstanden ist und den Grundzügen der figurativen Kunst in Venedig im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts gewidmet ist. Hier werden nicht nur die in Venedig konservierten und restaurierten Werke zu sehen sein, sondern – zum erstenmal außerhalb der Sowjetunion – auch die herrliche „Giuditta“ aus der „Eremitage“-Sammlung. Caterina Singleton