Von Andreas Kohlschütter

Kabul, im Juni

Die Militärs und Politiker, die sich Ende April in Kabul an die Macht schossen, kommen aus dem Dunkel. Vor dem blutigen Staatsstreich kannte kau jemand ihre Namen und Gesichter. Noch heute rätseln alle ortskundigen Beobachter über Herkunft, Werdegang, Ausbildung, Alter und andere politisch relevanten Lebensdaten der neuen Machthaber. Im traditionsbewußten Afghanistan mit seinen tiefwurzelnden Stammessippen und Familienstrukturen ist es beinahe noch schlimmer, keinen Ruf als einen schlechten Ruf zu haben. Deswegen schlägt dem neuen Regime auch eine Welle von instinktivem Mißtrauen, von Angst entgegen. Zwar sind Mehl und Brot sofort billiger geworden, und die ersten revolutionären Maßnahmen der „Demokratischen Republik Afghanistan“ wurden laut und deutlich „im Namen Allahs“ verkündet. Aber sind in Kabul nicht doch die „Kasirs“, die Ungläubigen und die Kommunisten ans Ruder gekommen?

Die Vertreter des neuen Regimes weisen sich als Angehörige der linksprogressiven „Volksdemokratischen Partei Afghanistans“ aus. Das Programm dieser seit 1965 halblegal existierenden Partei ist allerdings nirgends aufzutreiben. Die Zahl ihrer Mitglieder wird geheimgehalten. Die drahtziehenden Körperschaften hinter der 21köpfigen Regierung, wie das Zentralkomitee und der Revolutionsrat, bleiben inkognito. Das neue, revolutionäre Afghanistan wird weithin anonym und aus dem Untergrund heraus regiert.

Noor Mohammad Taraki ist der bekannteste der unbekannten neuen Männer in Kabul. Er ist nach Ämtern und laut Protokoll die Nummer eins: Generalsekretär des Zentralkomitees, Vorsitzender des Revolutionsrates, Premierminister. Vielleicht ist, wie bereits gemunkelt wird, der 61jährige, großväterlichen Charme ausstrahlende Taraki in Wahrheit aber nur eine Übergangsfigur, ein Aushängeschild, das Vertrauen wecken und Kundschaft werben soll, nicht der eigentliche starke Mann und Macher der neuen Ära. Diese Rolle wird eher der unnahbaren und undurchschaubaren Nummer zwei zugetraut, dem Vizevorsitzenden des Revolutionsrates und stellvertretenden Premier, Babrak Karmal. Er ist der Führer der radikalen „Parcham“ (Flagge)-Gruppe, die sich Ende der sechziger Jahre vom gemäßigteren Taraki distanzierte und erst im Sommer vergangenen Jahres, angeblich unter sowjetischer Regie, wieder mit ihm vereinte.

Dennoch: Der Vorsitzende Taraki verkörpert, und repräsentiert jene „neue Klasse“, die sich jetzt in Afghanistan nach vorn und an die Macht geschoben hat. Die Aristokratie, die auch nach der Beseitigung der Monarchie (1973) und unter dem Republikpräsidenten Mohammad Daud weiterherrschte, ist vertrieben, verhaftet, diskreditiert worden. Es rückt die meist unbegüterte Mittelklasse nach, der das städtische Milieu von Kabul soziale Emanzipation ermöglichte, zugleich auch mannigfache Frustration auferlegte. Die ehrgeizigen Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Juristen, Hauptleute, Majore und niedrigen Beamten, die Universitätsdozenten und Intellektuellen, die seit langem mit bourgeoisem Fleiß über bürokratische, militärische, parteipolitische Sprossenleitern, auch über Auslandsstipendien, nach oben drängten, sehen nun eine Chance.

Einer dieser afghanischen Aufsteiger ist Noor Mohammad Taraki, dieser 1917 geborene Paschtunen-Sohn, der in Moqor, einem öden Nest an der Kandahar-Kabul-Straße Schafe hütete und dort nur zwei Jahre lang die Dorfschule besuchte. Jetzt ist er, der als kaufmännischer Angestellter später in Bombay in nächtlichen Schnellkursen seine Schulbildung bis zur zehnten Klasse aufpolierte, arriviert. Und nun will er zusammen mit seinen Gesinnungsfreunden Nägel mit Köpfen machen, Kritik in Politik umsetzen, Reformträume an die widerspenstige afghanische Wirklichkeit heranführen. Noch wirkt die neue Machtkulisse von Kabul wie eine hastige Improvisation. Noch stehen überall Kampfpanzer Wache; die neue. „Volksregierung“ scheint sich nur hinter blitzenden Bajonetten und Kanonenrohren wohl und sicher zu fühlen. Noch dient im Vorzimmer des neuen Regierungschefs eine Kirschkonservenbüchse aus Holland als einzige Blumenvase. Und noch will der Maßanzug, den sich Taraki in aller Eile für die Repräsentationspflichten anfertigen ließ, nicht recht sitzen.