Von Kurt Becker

Für die Bundesrepublik bahnt sich unerwartet eine neue und in ihrer Tragweite noch nicht übersehbare Herausforderung an: Afrika. Die Bereitschaft zur Übernahme internationaler Verantwortung, sonst in amtlichen Erklärungen eher eine beiläufige Floskel, hat zu Beginn dieser Woche eine präzisere, vielleicht sogar exemplarische, Bedeutung für die künftige deutsche Beteiligung am internationalen Krisenmanagement erhalten. Jedenfalls setzt die Bonner Teilnahme an der Konferenz von fünf westlichen Staaten, die am Montag in Paris darüber beraten haben, wie dem von inneren Krisen und äußeren Bedrohungen erschütterten Staat Zaire geholfen werden kann, einen Präzedenzfall. Immerhin geht es dabei um den größeren Zusammenhang: um das Vordringen der Sowjets und der Kubaner in Afrika; punktuell um Zaire, prinzipiell um den gesamten Kontinent.

Die Zaire-Konferenz spiegelt die Untauglichkeit westlicher Organisationen wider, dem wachsenden sowjetischen Einfluß in Afrika eine Grenze zu setzen. Das westliche Bündnis ist dazu nicht imstande, weil es seiner Struktur nach eine Verteidigungsorganisation ist, die zudem außerhalb der Territorien ihrer Mitglieder nicht militärisch intervenieren darf. Ebensowenig ist die Europäische Gemeinschaft institutionell darauf eingerichtet, akute Krisen in Afrika einzudämmen. Es mußte also ad hoc ein handlungsfähiges Konzept der Mächte zusammengestellt werden.

Den Ausschlag für die deutsche Teilnahme an der Zaire-Konferenz gab, daß die Bundesrepublik wegen ihrer Bedeutung als Wirtschaftsmacht und als zweitstärkstes Mitglied der nordatlantischen Allianz unaufhaltsam und ohne es darauf anzulegen längst in die Hierarchie des Westens aufgestiegen ist. Ihre Mitführerschaft im wirtschafts- und währungspolitischen Bereich ist eine Selbstverständlichkeit, seitdem sie zusammen mit sechs anderen führenden Industrienationen regelmäßiger Teilnehmer jener Weltwirtschaftsgipfel wurde, auf denen jenseits aller Verträge und Organisationsstrukturen ein pragmatischer Weg gesucht wird, die internationale Wirtschaftsflaute zu überwinden. Bonns Einfädelung ins internationale politische Krisenmanagement signalisiert nun eine neue Qualität unserer Außenpolitik.

Entstanden ist sie vor zwanzig Jahren, als im Westen das Verlangen nach politischer Konsultation der wichtigeren Mitgliedstaaten außerhalb der strengen und zeitraubenden Regeln der Allianz wuchs. Den äußeren Rahmen bildete damals die Bonner „Vierer-Gruppe“, ursprünglich von den drei Westmächten und der Bundesrepublik beim Ausbruch der Berlinkrise des Jahres 1958 gebildet, um gemeinsam über alle Berlin- und deutschlandpolitischen Probleme zu beratschlagen und zu beschließen. Die Vorteile ihrer informellen Arbeitsweise, sei es auf der Ebene der Außenminister oder der Spitzenbeamten, führte dann, eher zufällig als geplant, zu einer Erweiterung der Tagesordnung. Die Vierer-Gruppe wurde zu einer handlichen Variante des einst von Charles de Gaulle vergeblich geforderten – und Bonn seinerzeit ausschließenden – Dreierdirektoriums innerhalb des westlichen Bündnisses, das sich nicht ausschließlich mit Bündnisproblemen beschäftigen sollte. In dieser Vierer-Gruppe entstand denn auch am Vorabend des Nato-Gipfels in Washington der Entschluß zur Zaire-Konferenz in Paris.

Jede Bundesregierung hat sich bisher dagegen gesträubt, bei internationalen Krisenlösungen in Anspruch genommen zu werden – sei es 1964 bei einer Europäisierung des Befreiungsversuchs auf Zypern, sei es 1965 in Vietnam, als der damalige US-Außenminister Dean Rusk Bonn vergeblich mehr abverlangte als bloß ein Lazarettschiff für Nichtkombattanten. Von militärischer Assistenz, außer vielleicht bei Rettungsaktionen, ist auch heute nicht die Rede. Aber Bonn, vital an der Stabilität unverzichtbarer Rohstofflieferer interessiert, ist doch im Begriff, die politischen Bürden auf internationalem Felde nicht mehr allein seinen Verbündeten zu überlassen. Da es kein Handeln im Alleingang plant, sondern im Verbund mit unseren engsten Partnern vorgeht, besteht wohl auch nicht die Gefahr, daß die Bundesrepublik in den Geruch der Großmannssucht gerät.

Der Bundeskanzler erklärte schon Ende Mai in seiner Rede vor den Vereinten Nationen: „Ich spreche für ein Land, das keine Großmachtpolitik betreiben kann und betreiben will. Mein Land ist sich aber seiner Mitverantwortung für den Frieden bewußt.“

Es wäre unklug, wollten wir uns im internationalen Krisenmanagement auf dem gleichen Rang und mit der gleichen Unbefangenheit bewegen wie die einstigen Weltmächte Großbritannien und Frankreich. Doch die Unschuld des wirtschaftlichen Riesen, der sich als politischer Zwerg verkleidet, ist ein für allemal dahin.