„Die Schaukel“, Roman von Annette Kolb. Da ist es wieder, dieses herrliche Buch (und mit 9,80 Mark für einen Leinenband von 222 Seiten fast geschenkt). Wer in einer großen Familie aufgewachsen ist, wird in diesem Geschwister- und Familien-Roman aus dem alten München rasch zuhause sein. Wer keine Schwestern, keine Brüder hat, wird sich erst recht heimisch fühlen beim aufsässigen Mathias (einem männlichen Selbst-Porträt der Erzählerin), dem von Versetzungsnöten bedrängten Otto, der trägen Schönheit Gervaise, vor allem aber bei der „paradiesischen Figur“ Hespera – die Daphne heißt in dem anderen großen Buch der 1870 in München geborenen Erzählerin, „Daphne Herbst“ (1928). Die vier Kinder dieses autobiographisch – politischen Schlüsselromans entstammen der Ehe eines königlich-bayerischen Gartenbauarchitekten und einer Pariser Pianistin. Wie zwischen Deutschland und Frankreich so schwebt diese musische Familie voll Charme und Temperament auf der Schaukel zwischen Realitäten und „Rêverien“, den ewigen Träumen vom großen Glück. Zart und voll Humor das Porträt des in ständiger Geldnot lebenden Blumen-Ästheten in der Beamten-Uniform, der gern alle Welt beschenkt und der dem „Genius der Sparsamkeit“ zu opfern wähnt mit seiner „Manie, Lampen zu löschen, auch wenn das Zimmer nur einen Augenblick verlassen wurde“, und der damit doch nur die Familie enerviert. Was vom Vater Lautenschlag gesagt werden kann, gilt für die ganze „in den Wolken lebende“ Familie: „In Wahrheit fehlte ihm die zureichende Beziehung zum Gelde, zur Gegenständlichkeit überhaupt“. Solche Selbstcharakteristik ernstnehmend kommt Joseph Breitbach in seinem erstaunlichen Nachwort zu einem vernichtenden Urteil über die Politikerin, Pazifistin, Publizistin Annette Kolb, der er „Naivität, die Quelle ihrer politischen Mißerfolge“, Mangel, an „zuverlässigen Kenntnissen auf irgendeinem ins Politische reichenden Gebiet“, und „Ignoranz“ vorwirft: „Sie war – es muß einmal gesagt werden – eine Amateurin. Eine zwar rührende, aber auch eine im schlimmsten Sinn des Wortes.“ Harte Worte. Sie können helfen, die Gestalt dieser bedeutenden Frau, endlich, klar zu erkennen. Breitbach schreibt, nach über vierzigjähriger Bekanntschaft mit der vor zehn Jahren, fast hundertjährig, gestorbenen Autorin durchaus respektvoll. Er übersieht nicht, „daß ihre einzig von der Moral inspirierten Argumente Politica ersten Ranges waren“, aber auch nicht, daß die „Unbekümmertheit“ dieser Erzählerin sie „spontan schön gebaute Sätze“ schreiben läßt, aber auch „Perioden von bedenklicher Laxheit“. Neben verehrungsvoll salbadernden Vor- und Nachworten, die man so gewöhnlich (über)liest, setzt Breitbachs knapper Essay ein Muster an literatur-historischer und -kritischer Aufrichtigkeit. Ein Schriftsteller und Moralist urteilt über eine Schriftstellerin und Moralistin: unbestechlich. (Fischer Bibliothek, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1978; 222 S., 9,80 DM.) Rolf Michaelis

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„Klipp & klar – Gute und böse Gedanken“, von Oliver Hassencamp. Daß Hassencamp Roman- und Jugendbuchautor ist, außerdem not- und humorgedrungen seine Brötchen beim Kabarett und allen Medien kassiert – man vergißt es, wenn man seine exquisiten Aphorismen kennenlernt. Ihre Stärke kommt aus der Skepsis, gegenüber dem Geschäft des Schreibens: „Es ist ein Irrtum zu glauben, mit vierundzwanzig Buchstaben lasse sich alles sagen.“ Der Hang zur Kürze entspricht dem Abscheu vor verbaler Umweltverschmutzung: „Beim heutigen Informationsangebot komme ich mit dem Ignorieren manchmal fast nicht nach.“ Hassencamp, halb Salonlöwe, halb Moralist und Eremit, bewegt sich stilsicher im Niemandsland zwischen Transzendenz und Eleganz: „Der Karrierist denkt, nur an sich. An sich selbst denkt er zu spät.“ Gerade für Intellektuelle hält der Autor knappe, aber abendfüllende Einsichten bereit: „Ein Intellektueller ist ein Intelligenter, der nicht intelligent genug ist, seinen Intellekt als Teil eines Ganzen zu begreifen (Mit zwölf – gezeichneten – Fabeltieren von Rupert Stöckl; Langen-Müller Verlag, München, 1977; 108 S., 9,80 DM.) Hanns-Hermann Kersten