Von Klaus Viedebantt

Mühsam stotterte mein Leih-Moped die Straße am Collector’s Hill bergan, plötzlich hinter mir ein eifriges „Hello – hello, Mister!“. Zwei dunkelhäutige Jugendliche, offenkundig weniger schwachbrüstig motorisiert als ich, bedeuteten mir gestikulierend, ich solle nur die Hand hinhalten, wenn sie vorbeifahren; sie wollten mir schon über den Berg helfen.

Die beiden Zugkräfte stellten sich, oben angelangt, als Greg und Tom vor. Die zwei Oberschüler waren unterwegs, um ihre frisch „frisierten“ Mopeds („die machen jetzt leicht dreißig Meilen“) zu erproben. Ein riskantes Unterfangen, denn Bermudas Polizisten nehmen die für die ganze Insel und alle Fahrzeuge geltende Höchstgeschwindigkeit von 35 Stundenkilometern sehr ernst. Wer schneller fährt, wird mit maximal 500 Bermuda-Dollar (entspricht dem US-Dollar) bestraft, und über 70 Stundenkilometer kostet es gar den Führerschein.

Die drakonischen Strafen sind auch notwendig angesichts der engen Straßen und einer Bevölkerungsdichte, die überlaufenen Stadtstaaten nahekommt: Auf den 32 Quadratkilometern wohnen 56 000 Insulaner. Gut zehnmal so viele Touristen besuchen pro Jahr die Insel. Daß Bermuda dennoch ländlich ruhig wirkte ist den Verkehrseinschränkungen mit zu verdanken. So soll jede Familie offiziell nur ein Auto haben, und auch das darf gewisse Größen nicht überschreiten. Folglich wird das Verkehrsgeschehen von Kleinwagen geprägt; es kann einem durchaus passieren, daß man einen etwas größeren Wagen ohne Türklinken findet – die Klinken hätten die erlaubte Breite überschritten. Allein der Gouverneur besitzt ein etwas größeres Gefährt, aber auch, dieses war nicht repräsentativ genug, als die Queen ihre Kolonie im Atlantik besuchte. Für die Visite wurde eigens eine Nobelkarosse im Hafen entladen – und nach der Abreise flugs wieder verschifft.

Greg und Tom waren von diesen Vorschriften nicht begeistert: „Die tollsten Wagen sehen wir hier nie.“ Die beiden, die mich an diesem Nachmittag durch ihren kleinen Staat geleiteten, waren mit ihrem Ferienparadies auch sonst nicht ganz im reinen. „Es ist so langweilig hier, auch die Touristen sind meist alte Leute. Hier ist nichts los.“ In der Tat, vergnügungssüchtigen Teenagern bietet die Insel wenig Abwechslung, sie ist, auch was Preise und Komfort anlangt, für Sportive über Dreißig wie für Gemächliche höherer Jahrgänge angelegt.

Daß Bermuda seinen jugendlichen Bürgern recht wenig Abwechslung bieten kann, führen manche der Älteren auch als Grund für den Aufstand an, der kurz vor Weihnachten die Insel erschütterte und London zur vorübergehenden Entsendung von 350 Soldaten zwang. „Das waren junge Farbige, die nicht arbeiten wollen, die ihr Mütchen gekühlt haben“, hatte uns ein Fremdenverkehrs-Repräsentant am Tag zuvor erklärt, „da war nichts Politisches dran.“ Greg und Tom, die ich auch nach den heißen Dezembertagen fragte, zeigten sich wenig erbaut über das Thema.

Politik interessierte die beiden ohnehin nicht, sie wollten viel lieber über Fußball sprechen, zumal, nachdem sie meine deutsche Herkunft erkundet hatten. „Beckenbauer“ war nun das naturgegebene Stichwort. Seit der Libero in den USA das Leder trete, könne man selbst mit den Amerikanern über Sport parlieren, nicht nur über öde Dinge wie Baseball oder American Football, meinten die beiden. Verständlich, daß sie dies begrüßten, schließlich haben sie außer ihren paar Landsleuten fast nur Amerikaner als Gesprächspartner. Bermuda, dieses beinahe zierliche Gewirr aus Inseln, Fähren, Brücken und Korallenriffen, ist als Ferienland so fest in amerikanischer Hand, wie Mallorca während des Sommers unter deutscher Fuchtel ist.