Bremen

Eine Operation folgte der anderen, obwohl alle Beteiligten von der Hoffnungslosigkeit überzeugt waren. Es war eine schreckliche Sterbeverlängerung.“

„Der gedankenlose Einsatz aller Mittel in unseren Krankenhäusern bringt Menschen um das Recht auf ihren eigenen Tod.“

„Der totale Einsatz von Technik und Apparaten in den Kliniken kann Humanität zur Unmenschlichkeit pervertieren.“ Dieses wurde von Ärzten, Juristen und Politikern während einer Fachtagung der Humanistischen Union zum Thema „Menschenwürdiges Sterben“ gesagt.

Zusammen mit 19 anderen Staaten hat die Bundesrepublik 1976 dem Beschluß des Europarates zugestimmt, Rechte der Todkranken auf ein humanes Sterben festzuschreiben. Konsequenzen wurden bei uns bis heute daraus nicht gezogen. Auch nicht aus Umfragen, die herausbrachten, daß 77 Prozent der Bundesbürger gegen eine Lebensverlängerung um jeden Preis sind und 55 Prozent für eine erlösende Spritze, wenn es keine Hoffnung auf Heilung mehr gibt. Nur die Schweiz hat bisher ihren Bürgern und Ärzten Richtlinien an die Hand gegeben für das, was im todernsten Fall geschehen darf – geschehen muß.

„In der Bundesrepublik“, so hieß es in Bremen, „ist die Patientenaufklärung unwürdig, sie findet nämlich nicht statt.“ Wer weiß schon, daß er fordern kann, es müsse für ihn als Krankenhauspatient alles getan werden bis zum guten oder bitteren Ende, daß er aber ebenso berechtigt festlegen darf, wenn es zu Ende gehe, wünsche er keine. Verlängerung seines Lebens? In einigen amerikanischen Kliniken werden die Patienten schriftlich und ausführlich auf ihre Rechte hingewiesen; dazu gehört auch das Recht, bestimmte Behandlungsmethoden abzulehnen und den Arzt zu wechseln oder das Krankenhaus zu verlassen.

Die Humanistische Union wünscht Informationen dieser Art auch für die Bundesrepublik. Sie fordert Richtlinien nach dem Schweizer Vorbild, die dem Arzt erlauben, Sterbehilfe zu leisten, ohne mit Gesetzen in Konflikt zu kommen. In die Ausbildung des Pflegepersonals und der vielfach unter Erfolgszwang stehenden Ärzte (für sie bedeutet, sagte der Schweizer Mediziner Urs Peter Haemmerli, Lebensverlängerung des Patienten ein Erfolg, der Tod hingegen eine Niederlage, die möglichst lange herausgezögert wird) sollte eine Anleitung über den Umgang mit Sterbenden einbezogen werden. Der Barmer Arzt Joachim Schara wünscht, daß in der Ärzteschaft der Respekt vor dem Leben ergänzt werde durch den Respekt vor dem Tod. Die Humanistische Union will nun Arbeitsgruppen bilden, um überall eine breite Aufklärung und Diskussion in der Bevölkerung in Gang zu bringen.

Bremens Gesundheitssenator Herbert Brückner (SPD), Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz der Länder, hat erste Konsequenzen aus der wichtigen Tagung gezogen. Er lud Professor Haemmerli, der 1975 in Zürich wegen angeblich unerlaubter Sterbehilfe vom Amt suspendiert und kurzfristig verhaftet worden war, für den Herbst nach Bremen zu Informationsgesprächen mit Krankenhausärzten ein. Bremens Mediziner sollen über die Rechte ihrer Patienten und über humane, medizinische und juristische Aspekte der Sterbehilfe genau ins Bild gesetzt werden. Lilo Weinsheimer