Von Petra Kipphoff

Wolfgang Hildesheimer mag die „Zauberflöte“ nicht. „Die Bedeutung dieser Oper“, so schreibt er in seinem großen, im vergangenen Jahr erschienenen Mozart-Buch, „innerhalb von Mozarts Gesamtwerk ist von je überschätzt worden“. Ein Werk „sui generis“, gewiß, „nicht aber etwas in sich ausgereift Glückliches“.

Goethe mochte die „Zauberflöte“, und was er an dieser Oper so schätzte, war gerade das, was Hildesheimer so stört: also das Hin und Her zwischen kreuzfidelem Kasperle-Theater und hochgestochenem Weihespiel, die „Unwahrscheinlichkeiten und Späße .. ., die nicht jeder zurechtzulegen und zu würdigen“ weiß; er mochte die „Zauberflöte“ sogar so sehr, daß er sie nicht nur 1794 am Weimarer Hof aufführen ließ, sondern auch einen zweiten Teil zu dieser Oper verfassen wollte, um sie „fortführend zu überbieten“; die Goethesche „Zauberflöte“ gedieh zwar nicht über ein Fragment von vierzig Seiten hinaus, aber an der Art, wie hier Himmel und Hölle lustvoll in Bewegung gesetzt werden, erkennt man deutlich den Autor des „Faust II“.

Das deutsche Opernpublikum mag die „Zauberflöte“. Eine von Dietrich Steinbeck, einem Dozenten für Musiktheaterwissenschaft durchgeführte und jetzt veröffentlichte Untersuchung der Spielpläne der letzten dreißig Jahre zeigt, daß die „Zauberflöte“ mit 8300 Aufführungen an der Spitze (vor dem „Figaro“, der 7600mal gespielt wurde) liegt.

Die bildenden Künstler mochten und mögen die „Zauberflöte“, in keine andere Oper haben sie sich so oft hineinziehen lassen wie in diese: Für eine Aufführung in Berlin entwarf Friedrich Schinkel 1816 eine klassizistisch romantische Bühnenbildwelt; für die Salzburger Festspiele gab Oskar Kokoschka ihr 1955 eine skizzenhafte, pastellfarbene Ausstattung; für die New Yorker Oper transponierte Marc Chagall 1967 die „Zauberflöte“ in einen dunkel funkelnden Mythos; für Hamburg tauchte Ernst Fuchs sie 1977 tief in den Kitsch bonbonbunter Labyrinthmuster und in diesem Jahr hat David Hockney zu einer Neuinszenierung in Glyndebourne, Englands ländlichen Opernfestspielen, Ausstattung und Kostüme entworfen.

Für mich war es die schönste „Zauberflöte“, die ich bisher erlebt habe. Wobei sich das Erleben aus vier Sinneswahrnehmungn addierte: Hören, sehen, schmecken, riechen. Denn in Glyndebourne, dem Landsitz eines wohlhabenden Engländers, ist Oper kein Staatstheater (wie es in den Städten geboten wird), keine Weihespiel (wie in Bayreuth), kein Stelldichein der Stars von diesseits und jenseits der Rampe (wie in Salzburg).

In Glyndebourne, achtzig Kilometer südlich von London in der sanften, grünen Hügellandschaft von Sussex gelegen, ist Oper ein Fest zwischen Kunst und Natur, eine Lust am Spaß. Der Anlaß zu diesem Fest ist die Musik (in diesem Jahr werden, die Saison dauert bis 7. August, außer der „Zauberflöte“ noch „Cosí fan tutte“, „La Bohème“, „Don Giovanni“ und „The Rake’s Progress“ aufgeführt).