Wie Bordeaux-Winzer aus Massenware einen guten Weißwein machten

Es gehört fast zu den geheiligten Traditionen des französischen Weinbaus, daß seine Winzer einmal im Jahr auf die Straße gehen und mehr oder weniger gewalttätige Protestmärsche veranstalten. Das geschieht meist im Languedoc-Roussillon, im südlichsten Zipfel Frankreichs. Denn der Rote, der dort gekeltert wird, verkauft sich schlecht – mangels Qualität.

Daß es auch andere Lösungen als die der Gewalt gibt, könnten die cholerischen Winzer aus dem Süden bei ihren Kollegen rund um Bordeaux lernen. Der Vergleich scheint auf den ersten Blick vermessen; denn dem Rotwein aus so renommierten Lagen wie Médoc, Pomerol oder Saint-Emilion wagte bisher kaum jemand mangelhafte Qualität vorzuwerfen. Doch was selbst Kenner oft nicht wissen: Neben roten Spitzensorten werden auch herbe Weißweine in großen Mengen produziert, die noch vor kurzem keinen besonders guten Ruf hatten.

Lange galt hier die Devise: Mehr Quantität als Qualität. Bezeichnenderweise wurde zum Beispiel der weiße Bordeaux in die Bundesrepublik überwiegend in Fässern und Tanks exportiert: Massenware für Verschnitt und Sektproduktion. Dabei sind die Weinberge südöstlich von Bordeaux (sieht man von der Champagne ab) Frankreichs größtes Anbaugebiet für Weißweine. Rund eine Million Hektoliter, 15 Prozent mehr als im Elsaß, werden dort im Jahr produziert.

Irgendwann merkten die traditionsbewußten Winzer zwischen Dordogne und Garonne, daß an ihrer Politik etwas nicht stimmte. Es entfielen zwar vierzig Prozent ihrer Produktion auf Weißwein, doch sie machten damit nur zwanzig Prozent ihres Umsatzes. Während die Preise für roten Bordeaux Rekordhöhen erreichten, war mit dem Weißen kein großes Geschäft zu machen.

Einen ersten, langfristigen Qualitätsplan stellte der zuständige Winzerverband, das Comité Interprofessionnel du Vin de Bordeaux (CIVB), schon vor zehn Jahren auf. Unermüdlich predigen seitdem Verbandsfunktionäre, Landwirtschaftskammern und lokale Weinforschungsinstitute die Vorzüge der Qualität. In den Weinkellern hat die Technik Einzug gehalten, vor allem, um die von der Natur nicht gewährleistete Haltbarkeit des Produkts zu erreichen. Wenn die Winzer diesen Mangel vor ein paar Jahren noch mit Schwefel zu beheben suchten, so arbeiten sie heute mit peinlich genauen Temperaturkontrollen während der Gärung.

Heute ähnelt manche Winzergenossenschaft zwar einem Labor, doch die Technik hat die Chemie verdrängt. Das Ergebnis der mit teuren Investitionen verbundenen Umstellung: neues Interesse beim Konsumenten und dennoch akzeptable Preise. Stolz weist man heute darauf hin, daß etwa ein fruchtiger Entre-deux-mers für ein Viertel des Preises zu haben ist, der für einen weißen Burgunder aus Chablis verlangt wird. Daß gerade trockene Weine im In- und Ausland immer mehr Anhänger finden, kommt für die Bordeaux-Winzer gerade recht.

Die CIVB-Funktionäre haben ihre Mitglieder nach anfänglichen Widerständen fest im Griff. „Wir mußten sie vergewaltigen, um das Niveau der Produktion anzuheben“, versichert Verbandspräsident Paul Glotin. Doch er ist überzeugt davon, daß Bordeaux-Weißweine heute die traditionsreiche Bezeichnung „Bordeaux“ voll verdienen. Äußeres Zeichen des neuen Selbstbewußtseins: Die bislang oft verwendete schlanke Elsässer-Flasche soll künftig vom Bordeaux-Markt verschwinden. Klaus-Peter Schmid