Literaturfunktionäre unter sich

Von Rolf Michaelis

Mit Büchern kann man hierzulande Ofensetzer hinterm Ofen vorlocken ... Lyrik ist immer noch eine wenn nicht brotlose, so doch butterlose Kunst... Wir schreiben lieber, als daß wir schreien ... Auf riesigem und nicht hiesigem Papier..."

Wann schon findet man solche Wortspiele und Kalauer im Neuen Deutschland (ND), das ja keine Zeitung sein will, sondern in jeder Zeile hält, was der einschläfernde Untertitel im Zeitungskopf verspricht: "Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands".

Aber laßt mal Hermann Kant ans Rednerpult. Selbst wenn er losläßt, was im Stil der Partei-Postille als "Referat" überschrieben ist, jongliert der 1926 in Hamburg geborene Sprachspieler unter den Erzählern der DDR ("Die Aula", 1965; "Das Impressum", 1972; "Der Aufenthalt", 1977) mit Buchstaben, Silben, Wörtern: "Um Wissen und Gewissen geht es."

Nee, Herr Kant. Um Wissen und Gewissen drehen Sie, bitte, keine Sprach-Pirouetten. Der auf dem VIII. Schriftstellerkongreß der DDR vom 29. bis zum 31. Mai als Nachfolger von Anna Seghers zum Präsidenten des ostdeutschen Autorenvereins gewählte Kant mag, wenn er’s denn nicht lassen kann, über ehemalige Kollegen witzeln, die (auch von Kants Künstlerbund) aus der DDR vergrault worden sind: "... es handelt sich um eine Fortbewegung nicht aus der Beliebtheit in die Beliebigkeit, so doch vom Belangvollen weg zur Belanglosigkeit..., um einen Übertritt aus dem Bezirk der Gültigkeit in den Bereich der Gleichgültigkeit." Über "Wissen und Gewissen" sollte ein Literaturfunktionär nicht kalauern, der nicht frei von Schuld daran ist, daß es eine neue deutsche Emigration von Künstlern gibt, mit üblen bürokratischen Praktiken der listigen Ausbürgerung, der Abschiebung bei Nacht und Nebel, der Ausweisung, Zwangsexilierung, "Beurlaubung" aus der "Staatsbürgerschaft".

"Die letzten anderthalb Jahre... waren weit länger, als anderthalb Jahre gemeinhin zu sein pflegen", erklärte Kant vor den rund 300 Delegierten des Kongresses. Mit diesen Worten strafte er die schwärmerische Behauptung gleich im Einleitungssatz des "ND" über den Kongreß Lügen: "In einer Atmosphäre tiefen Vertrauens der Literaturschaffenden zur Partei der Arbeiterklasse und der festen Verbundenheit mit ihrem sozialistischen Staat" hätten in der Volkskammer die "Beratungen" des Schriftstellerkongresses begonnen.