Schwerte

Keine Gnade für Ikonenmaler?“ fragte die Bergische Landszeitung in ihrer Schlagzeile, als Demetrios E. Greven in der Schulungsstätte Altenberg seine Bilder ausstellte. Diese „Bilder ohne Schatten“ zogen Galeristen und interessiertes Publikum aus der Bundesrepublik an, denn die Ikonen „durch die Hand des Eberhard Greven sind ebenso ungewöhnlich, wie das Schicksal des Mannes, der sie malt.

Greven, wegen Mordes in jungen Jahren zu lebenslanger Haft verurteilt und derzeit Insasse der Justizvollzugsanstalt Schwerte/Ergste, zeigte seine Ausstellung ohne jede Bewachung, Psychologen haben ihm schon vor langer Zeit bescheinigt, daß er seinen Weg zu sich selbst gefunden hat und ein „Rückfall ausgeschlossen ist“. Der 36jährige, der für seine hinter Gittern gemalten Heiligen Spitzenpreise bis zu 13 000 Mark erzielt, ist in jeder Beziehung eine ungewöhnliche Erscheinung im Justizvollzug. Er ersetzt der Anstalt seinen Unterhalt – 9,40 Mark pro Tag –, zahlt Steuern und erhält Sonderurlaub, um Vorträge zu halten, Ausstellungen zu eröffnen oder Fresken zu restaurieren.

Doch dem Künstler im Knast, der sich im 14. Jahr seiner Haft Hoffnung auf eine baldige Begnadigung macht (ZEIT Nr. 5/78), werden zunehmend Schwierigkeiten gemacht, „Auch wenn die Einladungskarten schon verschickt sind, läßt man mich bis zum letzten Moment im Ungewissen, ob ich die Ausstellung eröffnen darf oder nicht.“ Verbittert zeigt Greven ein Schreiben der Justiz, das ihm in dürren Worten eröffnet: „Insbesondere kann in der Durchführung der Ausstellung nicht ein wichtiger Anlaß gesehen werden, der so außergewöhnlich und dringlich ist, daß er eine Maßnahme nach Paragraph 35 des Strafvollzugs rechtfertigt.“

Die bundesweiten Ausstellungen begründeten jedoch nicht nur den Ruhm Grevens als Ikonenmaler, sondern ermöglichten es ihm auch, seine Schulden zu tilgen, die ihm nicht zuletzt auch aus einem polizeilichen Irrtum entstanden waren.

Auf Überfälle und Diebstähle spezialisiert, war Greven am 14. Oktober 1964 verhaftet worden, weil er an mehreren Bankeinbrüchen teilgenommen haben soll. Das stellte sich als falsch heraus. Aber der Untersuchungshäftling besiegelte sein eigenes Schicksal. Auf dem Weg zum Untersuchungsrichter steckten ihm „Freunde“ eine geladene Pistole zu, mit der Greven im anschließenden Handgemenge den Justizhelfer erschoß. Die Witwe des Beamten hat er aus Ausstellungserlösen bisher mit 24 000 Mark unterstützt. Sie hat dem Mörder ihres Mannes längst verziehen. Doch andere Gnade ist nicht in Sicht.

Daß Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kühn ein Gnadengesuch Grevens als „verfrüht“ abgelehnt hat und die Ministerialbürokratie den Fall wieder von vorn aufrollt, ist auch Ottmar Pohl, dem Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag, bereits zu Ohren gekommen. Er setzt sich seit Jahren für die Begnadigung des Häftlings Greven ein, der von der orthodoxen Kirche offiziell als Ikonenmaler autorisiert ist und durch die Kunst inzwischen auch zu einem neuen Glauben kam. Pohl, der seit Jahren Sturm gegen eine schematische Begnadigungspraxis läuft, sieht nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, daß Greven jemals rückfällig werden könnte: „Sein Läuterungsprozeß ist absolut ehrlich und überzeugend.“