Von Gerhard Seehase

Cordoba

Die Eisenfresser standen auf dem Sprung; bereit, Helmut Schön und seine Schützlinge mit Haut und Haaren zu verspeisen. Das 0:0 im WM-Eröffnungsspiel von Buenos Aires zwischen der deutschen und der polnischen Fußball-Nationalmannschaft hatte ein Millionenpublikum an den Fernsehbildschirmen wegen der Trostlosigkeit der Darbietung in Rage versetzt. Das schleichende Gift der Enttäuschung infizierte die Masse, griff um sich und lähmte die Bereitschaft der deutschen Fußballfans, für die "eigene" Mannschaft die Hände zu rühren.

Das war die Situation vor jenem zweiten Weltmeisterschaftsspiel des deutschen Teams, das nun in Cordoba gegen Mexiko stattfand. Man wußte schon vorher, würde Helmut Schön mit seiner Mannschaft auch in dieser Begegnung enttäuschen, es wäre das "Aus" gewesen für die Tagträume all derer, die noch die Hoffnung hegen, die deutsche Mannschaft könnte hier in Argentinien ihren Weltmeisterschaftstitel erfolgreich verteidigen.

Nun, am Schluß der Neunzig-Minuten-Vorstellung von Cordoba hatte die deutsche Nationalmannschaft die Enttäuschung ihrer WM-Premiere weggewischt: ein 6:0-Sieg war herausgesprungen, der das Erreichen der Zwischenrunde als ziemlich sicher erscheinen läßt. Denn jetzt genügt der deutschen Mannschaft im Spiel gegen Tunesien (0:1 gegen Polen) am Samstag bereits ein Unentschieden, um unter die letzten acht zu kommen.

Nach dem überraschend sicher, teilweise sogar souverän und selbstbewußt herausgespielten 6:0 gegen die Mexikaner, die vorher gegen Tunesien mit 1:3 Toren verloren hatten, haben die notorischen Schlaumeier des deutschen Fußballs – niemals zuvor waren so viele Bundesligatrainer als Kommentatoren im Einsatz wie diesmal bei der WM in Argentinien – also wieder einmal "recht gehabt": Rummenigge statt Abramczik im Angriff, Dietz statt Zimmermann in der Abwehr und mit Fischer und Dieter Müller zwei "Sturmspitzen". Das war die Garantie für den Erfolg. Wie man nachher wußte!

Hätte Bundestrainer Helmut Schön doch bloß schon vorher auf seine Bundesliga-Kollegen gehört; nur, die gescheitesten Analysen kommen, immer erst dann, wenn es für Prognosen zu spät ist. Es ist nicht allein die Schuld des Bundestrainers, daß sich im Reisegepäck der deutschen Nationalmannschaft für Argentinien ein (folgen-)schwerer taktischer Ballast befand. Für das Eröffnungsspiel gegen Polen war auch in den Sandkastenspielen der Helmut-Schön-Kollegen keine bedingungslose Offensive vorgesehen. Nur nachher, als die Peruaner gegen die Schotten und die Tunesier gegen die Mexikaner – bar jeder Safety-first-Taktik – gewonnen hatten, stellte sich alles anders dar.