Von Ulrich Kaiser

Buenos Aires

Sie fragen einen oft, ob man sich etwa nicht beschützt fühle, ob man „Sicherheit“ vermisse, ob man denn etwa abends nicht ohne Angst auf die Straße gehen könne. Nach jener gewaltigen Eröffnungsfeier mit ihren spartakiadehaften Choreographien wurde in jeder Zeitung von der „Sicherheit“ gesprochen, die so groß gewesen sei, daß man „sogar seine Großmutter hätte mitnehmen können“. Man wies auf den Beifall hin, den der Junta-Chef erhalten habe, wenn er das Wort „Frieden“ in den Mund nahm, und auch, daß er in zivil gekleidet gewesen sei. Das Argument des Gastes, daß man sich noch sicherer fühlen würde, wenn nicht so viel von Sicherheit gesprochen würde, ist, zugegeben, ein bißchen lahm.

Man muß wohl auch unterscheiden zwischen jenen Geschehnissen, die im Zusammenhang mit der neuen Politik Argentiniens stehen, und jenen, die mehr oder minder zum kriminellen Alltag einer Metropole gehören. Zur letzteren Kategorie der Räuberpistolen gehört das Erlebnis des britischen Popsängers Rod Stewart. Er kam am vergangenen Freitag nach Buenos Aires, schaute sich das Spiel der Gastgeber gegen Ungarn an und ging anschließend mit Freunden in ein winziges Lokal namens „Candela“ in der Avenida Suipacha Nr. 457. Er war gerade beim Kaffee angelangt, als sich die Tür öffnete und zwei bewaffnete Männer eintraten – sie besetzten die Kasse und wollten offensichtlich auch die drei Dutzend Gäste um die Geldbörse erleichtern. Zwei Polizisten durchkreuzten das Vorhaben: Sie schossen. Der eine der beiden Gangster war sofort tot, der andere wurde schwer verletzt. Der Kellner erzählte am nächsten Morgen, daß Rod Stewart unter den Tisch gekrochen sei. Es lagen Holz- und Glassplitter herum, die Fensterscheiben waren zu Bruch gegangen, in der Holztäfelung und in den Wänden waren häßliche Löcher, und auf dem Boden gab es dunkelbraune Flecken, von denen der Kellner sagte, sie kämen von verschüttetem Rotwein.

Rod Stewart reiste am nächsten Morgen weiter nach Cordoba, wo seine argentinische Erlebnis-Skala allerdings auch nicht positiv bereichert wurde – Schottland-Fan Stewart sah Schottlands Mannschaft gegen Peru mit 1:3 verlieren. Ob ein Sieg seines Teams seine Meinung über die Sicherheit im Lande entscheidend beeinflußt hätte, ist allerdings die Frage. Natürlich muß man sich beschützt fühlen, wenn man hört, in der Tiefgarage unter dem Pressezentrum in Buenos Aires sei eine Hundertschaft schwerbewaffneter Soldaten auf Posten. Dieses ist inzwischen ein offenes Geheimnis unter den Kollagen und Anlaß zu allerlei Witzen. Jener Mann, der durch einen Zufall in die Garage geriet und sich schnell wieder davonmachte, fand das aber gar nicht witzig.

Man hofft, daß die Soldaten dort unten bleiben, und bedauert sie auch ein wenig, weil die jungen Männer natürlich die Spiele ihrer Mannschaft lieber im Stadion sehen würden als dort unten in der Katakombe vor dem Fernseher.

Die Gegenwart der Soldaten im Bild der Stadt ist längst nicht mehr so augenfällig wie an den ersten Tagen. Dafür hat sich die Zahl der Polizisten wohl vergrößert. Bei der Eröffnungsfeier waren nach offizieller Angabe viertausend Beamte eingesetzt. Sie tasteten den Gast vor dem Stadioneingang ab, wie er es von den Flughafenkontrollen gewöhnt ist. Nach dem ersten Spiel der Argentinier hatte es allerdings den Anschein, als ob man das Gefühl der Sicherheit eher dem Umstand zuschreiben könne, daß die Einheimischen im River-Plate-Stadion ein Tor mehr als die Ungarn erzielten.