Einhundertundachtundzwanzig Seiten, schmal und raumgreifend gesetzt und trotz dieser Kürze die faszinierendste Festschrift (Anti-Festschrift?) die sich denken läßt. Kein Grab also, in dem gelehrte Frauen und Männer zu Ehren eines verdienten Kollegen ihr Weihegeschenk deponieren (abgelegt und für immer vergessen!), kein festlicher Hort, wo bei Gelegenheit eines Großmeister-Ehrentags, Zelebritäten oder solche, die dafür gehalten werden möchten, einander artig begegnen (Motto: Auch ich war beim Jubiläum des weltbekannten ... mit von der Partie) – nein, nichts von alledem. Zu Pierre Bertaux’ siebzigstem Geburtstag haben sich alte Weggefährten, Kollegen und Freunde vereint (auch eine Familie darunter, die Eltern mit ihren Söhnen), um, teils grundsätzlich und teils exemplarisch, Spiel-Elemente in der von ihnen vertretenen Disziplin zu analysieren – jeder in seiner Manier: der eine salopp und ironisch, der zweite gelehrt, der dritte verspielt, wie es der Gegenstand verlangt, der vierte in der Weise Jean Pauls meditierend.

Eine verwegene Festschrift, in der Tat – schon die Titel, deren zweite Hälfte gern mit der ersten ihr Spiel treibt, sprechen für sich: „Drei Spiele für Pierre Bertaux, mit Elephant, Pferd, Vogel und Laus“ oder – „Die Zukunft spielend erproben – Über Kriegsspiele, Revolutionsspiele und das Theater als prognostische Anstalt“ oder auch „Siegfried im Spiel der Götter, oder Wasser und Gold“.

Aber so vortrefflich die einzelnen Beiträge sind: die eigentliche Pointe erhält das Spiel-Buch durch die einleitende Studie über den homo ludens und Spiel-Theoretiker Pierre Bertaux – einen glanzvoll formulierten Essay Hans Gerd Schultes über einen Mann, der zugleich Wörterbuch-Bearbeiter und Sicherheitschef, Gelehrter und Senator (und zwar im Sudan), Musterschüler und Generaldirektor, Pädagoge und Artist in litteris war: Ein Sohn aus gutem Hause, der es für ehrenwert hielt, in der Zeit des Faschismus nicht im Salon unter den falschen, sondern im Zuchthaus unter den wahren Freunden zu leben. Ein aus Lothringen stammender Harry Graf Kessler, wenn man so will, halb Fabelwesen, halb Romanfigur: Der Leser ist gehalten, sich auf dem Fundament der knappen Schulte’schen Vita sein eigenes Pierre-Bertaux-Monument zusammenzuzimmern: Voltaire läßt grüßen, Felix Krull gleichfalls – und Heines, Heinrich Manns und Tucholskys Frankreich dazu: die Nation mit ihrer Elite-Schule, der „Ecole Normale Superieure“, zu deren Stolz auch die linksradikalen Zöglinge zählen, und ihren Politikern, die sich, wie Clemenceau, mit griechischer Rhetorik oder, wie Pompidou, einerseits mit Aktienkursen und andererseits mit dem ablativus absolutes beschäftigten.

Kann man mehr von einer Festschrift verlangen als dies: Daß sie, vom Spiel handelnd, den Leser veranlaßt, am Ende selber zum Spieler zu werden und, nach Beendigung der Lektüre, mit den berühmten Worten: „Ich stelle mir vor“ zumindest in Gedanken seinen eigenen Beitrag zu dieser Festschrift zu formulieren? Einhundertachtundzwanzig Seiten auf dem Papier – und ein paar Tausend geträumte in petto! (st 485, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1978; 137 S., 5, – Mark) Walter Jens