Jahrhunderte hindurch wurde im Erzgebirge Zinn geschürft. Die Bewohner hatten ein auskömmliches Dasein. Doch schon in den Zeiten des relativen Wohlstandes waren die Bergarbeiter daran gewöhnt, einen zweiten Beruf zu haben. Als Bauern entlockten sie dem kargen Boden stets noch eine magere Ernte.

Als dann später die Zinnminen an Bedeutung verloren, verlegten sich die Bauern darauf, Holz zu be- und verarbeiten. Nun war Holz in den umliegenden Wäldern reichlich vorhanden, und man entwickelte bald eine geschickte Hand für kleine Schnitzereien. Etwa zur Zeit des Siebenjährigen Krieges kam der Bergbau völlig zum Erliegen. Und in dieser Zeit stellte sich die Bevölkerung ganz darauf um, Spielzeug aus Holz zu fertigen.

Wie fleißig und betriebsam die Familien auch werkelten, sie wurden immer ärmer. Da sie selbst nicht für den Vertrieb ihrer Spielwaren sorgen konnten, entwickelte sich ein Trucksystem. Die Verleger lieferten Rohmaterial, Vorlagen und auch Lebensmittel. So waren die Familien an eine soziale Kette gelegt, von der eine Befreiung nicht möglich war. Die Not und das Elend wurden immer größer – die Preise entsprechend konkurrenzlos niedrig, und damit begann der Siegeszug der erzgebirgischen Schnitzerei waren, die ihren Weg nicht nur durch Europa nahmen, sondern auch nach Amerika verschifft wurden.

Geht man heute über einen Christkindlmarkt, so findet man die zwar bunten, aber traurigen Überreste der einstmals blühenden Schnitzkultur. Der bäuerlich schlichte Naturalismus und die einfältige Beschaulichkeit der Darstellung sind moderner Drechsel-Fabrikation gewichen. In Nürnberg, wo alljährlich mit Hunderten von Bussen die Konsumwilligen zu einem der größten deutschen Christkindlmärkte zusammengekarrt werden, findet man nur wenige Schritte von dem modernen Produktionsramsch entfernt ein Spielzeugmuseum, in dem noch eine Reihe der echten, alten und handgearbeiteten Figuren zu sehen ist. Figuren, die damals nicht als Einzelstücke, sondern in großen Mengen hergestellt wurden. Zu Tausenden, mit kleinen Abweichungen, eine wie die andere. Für solche Güter haben wir heute als Vertriebsunterstützung Prospekte und Kataloge. Doch auch früher war das nicht viel anders. Es gab schon regelrechte Musterbücher.

Der Informationswert dieser Kataloge wurde erst in neuerer Zeit erkannt. Die Vielfältigkeit der Artikel – mehr als 12 000 verschiedene fanden sich schon 1850 im Katalog des Bestelmeier’ sehen Versandhauses –, zeigen im verkleinerten Bild, wie die Zeit damals war, oder wie man sie sich wünschte.

Die alten Kataloge sind auch ästhetisch reizvoll. Etwas auf der Nostalgiewelle mitschwimmend kam nun Das Waldkirchner Spielzeugmusterbuch um 1850 bei Heimeran heraus. Es gibt Bücher, die man braucht, und solche, die man nur zum Vergnügen hat, dann und wann darin zu blättern. Das Spielzeugmusterbuch gehört sicher dazu.

Auf 50 großformatigen Blättern ist da fein säuberlich nachgedruckt, was wir uns als „Gute alte Zeit“ vorstellen. Es gab Kaufläden, Puppenküchen, Tierparks – meist in der Gestalt einer gutbestückten Arche Noah –, Hampelmänner, Hammerwerke, Eisenbahnen, Baukästen und Schachfiguren. Baustile wurden in bezaubernden Modellen dargestellt. Das Markttreiben, den Zirkus und das Paradies gab es ebenso wie Seiltänzer und Sägemännchen.