Auch die Polizei geht mit der Zeit. Sie nutzt den Fortschritt: chemische Keulen statt Tränengas, Gummikugeln statt Gummiknüppel, elektronische „Wanzen“ statt rechtlich abgesicherter, langwieriger Befragungen; Instrumente und Methoden liefert die moderne Technik. Diese wiederum gründet sich auf wissenschaftliches Forschen.

Bedient sich die Polizei der neuen Techniken nur, um Verbrecher und Terroristen zu bekämpfen? Oder werden damit auch unschuldige Bürger eingeschüchtert? Wenn bei den Aktionen der Polizei der Mißbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Mittel nicht ausgeschlossen werden kann, dann ist es geradezu notwendig, nachzufragen.

Einige britische Wissenschaftler nahmen diese Mühe auf sich. Einer von ihnen ist Jonathan Rosenhead, Dozent an der London School of Economics. Ich habe ihn nicht besucht, um mit ihm über sein Lehrfach – volkswirtschaftliche Verfahrens- oder Unternehmensforschung – zu sprechen. Mich interessierte, was er und seine Kollegen über die Anwendung wissenschaftlicher Kenntnisse für die politische Kontrolle zusammengetragen haben und warum sie sich so intensiv mit diesem Thema beschäftigen.

Rosenhead, der sich einmal glücklos um einen Unterhaussitz für die Labour-Partei bemühte, wurde Ende der sechziger Jahre während eines Studienaufenthaltes in den Vereinigten Staaten hellhörig. Er sammelte Material über die Erforschung der chemischen, biologischen und elektronischen Kriegsführung.

Heute ist Rosenhead unter anderem aktives Mitglied der „British Society for Social Responsibility in Science“, einem Verein, der sich um die soziale Verantwortung der Wissenschaft kümmert. Rosenhead und einige seiner Mitstreiter machen kein Hehl aus ihrer politischen Anschauung. Sie sind radikale Marxisten.

Das waren vor ihnen viele und sind andere auch heute noch. Neu und beachtenswert ist, was Rosenhead und drei andere Wissenschaftler über die Technik der politischen Kontrolle in ihrem unlängst erschienenen Buch zusammengetragen haben (The Technology of Political Control, Pelican Books, London 1977). Dieses Buch kann einem das Gruseln lehren, selbst wenn man die politischen Anschauungen der Autoren nicht teilt.

Rosenhead und seine Mitautoren, die beiden jungen Wissenschaftlerinnen Carol Ackroyd und Karen Margolis sowie der Neuropsychologe Tim Shallice, fanden ihre Belege vorwiegend im Konflikt in Nordirland. Aber sie beschränkten sich nicht auf diese Auseinandersetzung. Das zeigen die Kapitel über moderne Lauscheinrichtungen, die Erfassung von verdächtigen wie auch harmlosen Bürgern durch den Computer, die elektronisch gesteuerte Polizeistrategie, die oft brutalen Methoden der Eindämmung von Aufruhr, die wissenschaftlich ausgedachten, inhumanen Befragungen, die Variationen von Folter und die harte Behandlung von Häftlingen.