Fritz Thiedemann, inzwischen eine Art leibhaftiges deutsches Reiterdenkmal, hat fünfmal gewonnen, zuletzt 1959 mit der Holstein ner Stute Retina. Thiedemann (nun nicht mehr als Reiter, sondern als Richter) ist immer noch dabei, wenn auf dem traditionsreichen Turnierplatz unter den Eichen in Hamburg-Kleinflottbek das Deutsche Springderby entschieden wird, jene seit den Gründertagen 1920 in ihren Ausmaßen und Anforderungen nahezu unveränderte Springprüfung, die man schon fast „klassisch“ nennen darf.

Am Sonntag wurde das Derby zum 49. Male entschieden, und unter den teilnehmenden Reitern war einer, der den Rekord der Thiedemannschen Siege hätte einstellen können: Nelson Pessoa. Der. Brasilianer, mit seinen berühmten Vollblütern Gran Geste und Espartaco in den sechziger Jahren. in Hamburg fast ein Lokalmatador, hat bisher viermal gesiegt, zuletzt 1968. Doch der fünfte Volltreffer blieb ihm versagt, und wird ihm vermutlich auch in Zukunft versagt bleiben. Pferde vom Schlage „Gran Geste“ hat er tun einmal nicht mehr.

Ob überhaupt noch jemals jemand Thiedemanns Erbe wird antasten können, erscheint fraglich. Im Springsport von heute hat man diese Ausdauer, diese Geduld nicht mehr, mit der die großen Reiter der fünfziger Jahre, mit der ein Thiedemann, ein d’Inzeo, ein Winkler ihre Triumphe feierten. Heute werden Roß und Reiter schneller zur Höchstleistung getrieben, aber auch schneller verbraucht.

Alwin Schockemöhle hat dreimal in Flottbek gesiegt, Hartwig Steenken zweimal. Schockemöhle ist inzwischen aus dem Sattel gestiegen, Steenken starb nach einem schweren Autounfall. Für die deutschen Springreiter hängen seither die Eichenkränze beim Derby ziemlich hoch. Seit 1974 (Steenken mit Kosmos) hat kein Deutscher mehr gewonnen. Auch diesmal waren die 12 000 Mark für den Sieger auf ein ausländisches Konto zu transferieren: Der Ire Eddie Macken, 1975 schon einmal Doppelsieger mit Boomerang und Boy, gewann (mit dem Holsteiner Boy) jetzt zum zweitenmal. Die Reiter aus Irland und England haben sich immer schon recht wohl gefühlt auf dem mit vielen Naturhindernissen durchsetzten Flottbeker Standardparcours. Diese Art des Reitens über Wall und Stock und Stein liegt ihnen von Hause aus.

Eddie Macken reiten zu sehen, ist eine Augenweide, und nicht von ungefähr erhielt der Ire auch diesmal wieder den „Stilpreis“. Im Stechen der vier im Normalparcours fehlerfreien Teilnehmer durchmaß er die verkürzte Bahn der acht Sprünge in atemberaubendem Tempo, und doch so kontrolliert, harmonisch und scheinbar mühe- und risikolos, daß man einen Fehler für glatt unmöglich, hielt. Es passierte auch keiner. Der Münsteraner Hendrik Snoek auf Asterix, gleichfalls in gutem Stil, wurde Zweiter. Asterix sprang über die meisten Hindernisse höher als nötig und verschenkte damit kostbare Sekundenbruchteile. Zur Siegerzeit fehlten am Ende 2,8 Sekunden.

Dritter im Bunde war der Waschechteste aller Profis, Harvey Smith aus England, mit einem Pferd, dessen Namen man zweckmäßigerweise in Gänsefüßchen setzt, weil er sonst als solcher kaum erkennbar wäre: „Sanyo Musiccentre“. Smith, der als einer der ersten erkannt hat, daß man sich als Profi sein Geld holen muß, wo man es bekommt (was im Turniersport ja längst nicht mehr unschicklich ist) hat für einige hunderttausend Mark alle seine Pferdchen im Sinne seines Werbevertragspartners, eines japanischen Elektrokonzerns, umbenannt. Früher hießen sie anders, und gewiß werden sie alle wieder andere Namen tragen, wenn der Vertrag abgelaufen sein wird.

Das ist etwas verwirrend. Deshalb will der internationale Reiterverband diese Praxis in Zukunft auch verbieten. Aber es ist sehr fraglich, ob hier noch Kehrtwendungen vollzogen werden können. Die (ja oft nur scheinbar) guten alten Sitten werden von der Realität überholt. Das gilt in Maßen auch für das Deutsche Springderby. Einst ein fast idyllisches Turnier von Amateuren für Amateure, ist es heute eine bald eine Million Mark teure Mammutveranstaltung.

Aloys Behler