Das Kulturleben ist um eine Variante reicher

Hamburg

Hamburgs Kultursenator Dieter Biallas wird zurücktreten, weil seine Partei, die FDP, eine so verheerende Wahlschlappe erlitten hat, daß sie nicht einmal mehr in der Bürgerschaft, dem Hamburger Landesparlament, sitzen wird. Für die Hamburger Kulturszene ist das ein betrübliches Ereignis, weil gerade Biallas hier mit Phantasie, und leichter Hand hübsche Farbtupfer gesetzt hat. Er hat Schwung ins hanseatische Kulturleben gebracht und auch jenen Menschen Spaß daran vermittelt, die bisher nicht in die Theater und Musentempel gelockt werden konnten. Auf Straßen und Plätzen, in Kneipen und in der „Markthalle“ präsentierten sich Literaten und Musikanten „zum Anfassen“, zum Ansprechen und ungezwungenen Zuhören – beim jährlichen „Literatrubel“, beim „Alstervergnügen“ und „Kulturkonfetti“.

Zu den „neuen Formen der Kulturvermittlung“ gehört auch die Idee mit den Stadtteilschreibern: Hamburger Schriftsteller sollen über einen Stadtteil ihrer Wahl schreiben (für ein „Zubrot“ von 6000 Mark für ein halbes Jahr), sollen sich ein wenig unter die Bevölkerung mischen, so daß die Leute dann eines Tages sagen können: „Unseren Stadtteilschreiber, den kennen wir.“ Bis dahin allerdings wird es noch ein Weilchen dauern, denn über die Veröffentlichung der Stadtteilgeschichten hat man sich bisher zuwenig Gedanken gemacht, hat erst einmal mit großem Elan und Spaß an der Sache angefangen.

Krimi- und Jugendbuchautor Hans-Jörg Martin hat sich für ein halbes Jahr im alten St. Georg eingemietet und Geschichten, die ihm Bewohner erzählt haben, aufgeschrieben. ZEIT-Autor Ben Witter ist durch die Neustadt spaziert. Das war einst ein Bezirk voller Gegensätze, die sogenannte Neustadt gehörte zu den ältesten Stadtteilen Hamburgs – mit Theatern und Zeitungsverlagen, Bohème und Unterwelt. Ben Witter erzählt zum Beispiel, von der ehemaligen „Judenstraße“ beim Großneumarkt, zwischen dem Hafen und der Alster, im Schatten der berühmten Michaeliskirche:

Elbstraße 6

Moische kauft jetzt Antiquitäten und schickt sie seinem Bruder David nach New York, aber das Geschäft mit den Standuhren geht zurück. Trotzdem fließt immer noch genug rüber, und David in der 27. Straße in Manhattan kommt ohne den Draht zu Moische nicht weiter. Und Moische, der mit seinem Bruder und den Eltern noch rechtzeitig ein Schiff nach New York bekam, die vier stammen aus Altona, wohnt jetzt in der Breitestraße, wieder, in Altona. Er telephoniert regelmäßig mit New York und will auch zurückkommen, aber das sagt er nun schon seit achtzehn Jahren.