Von Gunhild Freese

Allenthalben das gleiche Dilemma: Ausbildungsplätze in Industrie und Verwaltung, die einst Schulabgängern mit Hauptschulabschluß und mittlerer Reife vorbehalten waren, werden in zunehmendem Maße von Abiturienten beansprucht und auch besetzt. Nicht nur der Numerus clausus, sondern auch die zunehmend schlechten Berufschancen fertiger Akademiker zwingt die Abiturienten immer zahlreicher auf den direkten Weg in die Praxis.

Wie stark dieser Trend inzwischen ist, zeigt eine Statistik der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf. Danach waren 1973 nur 9,3 Prozent Abiturienten unter den eingestellten kaufmännischen Lehrlingen. 1977 waren es 31,3 Prozent. Und bei den für den Industriekaufmann Auszubildenden stieg der Anteil der Hoch- und Fachhochschulberechtigten von 31,2 Prozent 1976 auf 49 Prozent ein Jahr später. Der Anteil der Realschulabgänger verringerte sich in der Zeit von 56,2 auf 43,7 Prozent.

Diesem Problem wollte der Einzelhandel entgegenwirken. In dem Wunsch, den Nachwuchs für die oberen Ränge der Firmenhierarchie aus den eigenen Reihen zu holen, wurden schon seit Anfang der sechziger Jahre in den Großformen des Einzelhandels, den Warenhauskonzernen und großen Filialbetrieben zunehmend Abiturienten ausgebildet. Das geschah zunächst nur firmenintern, war also häufig von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich.

Seit drei Jahren nun versucht der gesamte Einzelhandel, interessante Fortbildungsmöglichkeiten als Alternative zum Studium zu bieten. Das läuft, wie Hans-Ludwig Grüschow, Vorstandsmitglied bei Hertie, nachdrücklich betont, "nicht unter dem Motto: Wenn du keinen Studienplatz bekommst, komme zum Einzelhandel." Grüschow ist zugleich Vorsitzender des Berufsbildungsausschusses der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels sowie Vorsitzender des Bildungspolitischen Beirates bei der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels.

Der Weg zur echten Alternative für das Studium freilich ist dornig. Denn zum einen konnte ein eigenständiger Ausbildungsgang nicht erreicht werden. Die Gewerkschaften und Betriebsräte wollten die Durchlässigkeit und damit Chancengleichheit für alle im Handel erhalten. Und zum anderen ist bis heute die bundesweite Vereinheitlichung der Fortbildung noch immer nicht erreicht. Doch Hertie-Vorstand Grüschow gibt sich optimistisch, daß dieses bald erreicht werden kann, Gespräche mit dem Deutschen Industrie- und Handelstag sowie den Kultusministern der Länder finden statt. Geplant ist eine 24monatige Fortbildung für Abiturienten und Einzelhandelskaufleute zum Handelsassistenten, Die Abiturienten müssen innerhalb von zwei Jahren die Prüfung zum Einzelhandelskaufmann ablegen.

Gleichwohl haben auch jetzt schon die Handelsunternehmen, die eine Fortbildungsmöglichkeit für Abiturienten bieten, gute Erfahrungen mit ihrem Nachwuchs gesammelt. Und: Die Fortbildungsplätze gehen geradezu reißend weg. Auf eine Lehrstelle kommen häufig mehr als zehn Bewerbungen. Eine stattliche Zahl, auch wenn man berücksichtigt, daß sich darunter etliche Doppelbewerber befinden. Zugleich liegt darin auch wieder ein Dilemma; denn allzu viele Ausbildungsplätze dieser Art kann der Handel nicht bieten. Bei Karstadt etwa sollen diesen Herbst 270 Abiturienten eingestellt werden, bei Quelle sind es pro Jahr 80, bei Horten und dem Kaufhof jeweils rund 150.