Von Marlies Menge

Der Betrieb ist riesig: die fast tausend Beschäftigten müssen sich über eine Funkanlage verständigen, Sie arbeiten nicht in einer Fabrikhalle, sondern auf 6700 Hektar Land. Über dies weite Gebiet erstreckt sich diese Produktionsstätte der neuen landwirtschaftlichen Betriebsorganisation der DDR, die „Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion“, kurz KAP genannt. Sie liegt im Thüringischen, dicht bei Weimar, und ersetzt zwölf Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG), die früher hier wirtschafteten. „KAP“ ist gleichbedeutend mit der Industrialisierung der Landwirtschaft.

Eine Frau leitet den Großbetrieb: Edeltraut Dittmar, 41 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, blond, ein bißchen füllig und von rosiger Gesichtsfarbe. Auf ihrem Schreibtisch blüht üppig ein Alpenveilchen, an der Wand hängt ein Strohblumengesteck gleich neben Tabellen und Siegeswimpeln. Und dazwischen natürlich das obligate Photo vom Parteivorsitzenden Honecker, eine Grünpflanze umrankt es.

„Der hohe Grad der Vergesellschaftung, der Einsatz moderner und zum Teil modernster Technik ermöglicht in zunehmendem Maße eine völlige Umwälzung in der landwirtschaftlichen Produktion der DDR“, hatte Honecker erst vor kurzem vor dem Zentralkomitee der SED gesagt und kategorisch gefordert: „Die neuen Probleme dieser Organisation müssen immer besser beherrscht werden.“

Die Umstellung auf KAPs war 1971 auf dem Achten Parteitag beschlossen worden. Bis dahin gab es vor allem LPGs, Genossenschaften für Tier- und Pflanzenproduktion. Sie wurden getrennt, um industriemäßig in beiden Bereichen arbeiten zu können. Das bedeutet Riesenställe für Tausende von Tieren und immens große Feldflächen, für deren Bearbeitung eigene Maschinen entworfen wurden. Doch das Planziel für 1977 wurde trotzdem nicht erreicht. Und Honeckers Forderung, daß „besonders die Erzeugung von Fleisch und Gemüse 1978 in einem höheren Tempo gesteigert“ werden müsse, als es der Fünfjahresplan vorsah, geht auch an die Adresse von Edeltraut Dittmar.

Sie ist verantwortlich für das, was auf den 6700 Hektar ihrer KAP an Getreide wächst, an Kartoffeln, Gemüse, Blumen und Futter für vier LPGs Tierproduktion. Eine dieser LPGs hat schon eine industriemäßige Schweineanlage mit 10 000 Tieren. Sie versorgt den Bezirk mit Zuchtmaterial. Die drei anderen bauen zusammen eine Milchviehanlage mit 2000 Plätzen. „Die ganze Anlage ist unnütz, wenn kein Futter da ist“, erklärt Frau Dittmar, „wir tragen eine hohe Verantwortung. Wir bauen noch Hochsilos und eine Anlage, mit der 800 Hektar Hauptfuttergebiet beregnet werden können, denn wir leben im Regen-Schattengebiet des Etterberges. 1976 hat es fast gar nicht geregnet, und die Leute haben gespöttelt: Weil da eine Frau leitet, scheint nur die Sonne.“ Frauen in dieser Position sind noch die Ausnahme. – Edeltraut Dittmar ist stolz auf die Technik, über die ihre KAP verfügt: Lkws, Busse, Traktoren, Mähdrescher, Kartoffel-Vollerntemaschinen. Der riesige Betrieb ist in verschiedene Produktionsbereiche aufgeteilt, zum Beispiel in „Bodenbearbeitung“, „Pflegestützpunkt“ oder „Tankstelle“. Vertragspartner sind ein Trockenwerk, das Agrochemische Zentrum für die anorganische Düngung und Pflanzenschutzmaßnahmen und die vier LPGs Tierproduktion. Mit ihnen zu verhandeln, sie zu beraten, kostet Edeltraut Dittmar viel Zeit. „Und dann noch die Kommissionen stöhnt sie, „die Kommission für Normarbeit, Sozialkommission, Frauenausschuß – fast 60 Prozent bei uns sind Frauen.“

Edeltraut Dittmar ist aus der Gegend: In Hopfgarten, einem Nachbardorf, ist sie zur Schule gegangen, anderthalb Jahre noch unter den Nazis, Ende ’45 kamen „Neulehrer“. Acht Klassen hat sie gemacht, und in die Landwirtschaft wollte sie eigentlich nicht gehen, denn, aufgewachsen auf dem Hof ihres Großvaters, wußte sie, was das ausmisten, Um fünf aufs früh aufstehen, füttern, ausmisten, melken, halb zehn wieder füttern, kochen, abends um halb zehn erst war sie fertig. Sie wollte Apothekerin werden, – ihr Lehrer hätte sie gern auf die Arbeiter- und Bauernfakultät geschickt, doch schließlich setzte der Großvater sich durch. Sie lernte auf seinem Hof, wurde von der Berufsschule auf die Fachschule in Weimar delegiert, machte nach drei Jahren ihr Staatsexamen.