Von Dieter Buhl

In punkto Schnelligkeit kann es der vielseitige Sportler Hans-Ulrich Klose mit vielen aufnehmen. Der schlanke Vierziger drückt aufs Tempo, ob beim Fußball, Tennis oder auf dem Tanzparkett. Noch ermattet vom Wahlkampf und atemlos vom großen Sieg muß der Hamburger Bürgermeister seine fixen Reflexe jetzt erneut in der Politik beweisen. In der Regierung der Freien und Hansestadt sind die von der FDP hinterlassenen Lücken aufzufüllen, wahrscheinlich auch ein paar sozialdemokratische Mitglieder auszuwechseln. Die Zeit drängt: „Denn“, so ein Vertrauter Kloses, „wenn wir den Senat nicht schnell bestellen, machen es andere.“

Sieger sind heute auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Sie werden nicht auf ein Podest gestellt, sondern – zumal in der SPD – gleich nach der Wahl erneut auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert. Dabei hätte Klose eine Atempause wohl verdient. Schließlich ist es vor allem sein Verdienst, daß die Hamburger Sozialdemokraten den Sprung von mageren 44,9 Prozent der Stimmen vor vier Jahren zu einer satten absoluten Mehrheit von 51,5 Prozent schafften. Aber trotz seiner jungen Jahre ist Klose die Bismarcksche Devise von der Demut im Triumph längst geläufig. Deshalb fiel es ihm auch nicht schwer, am Sonntagabend eher mit Leichenbittermiene statt mit dem Heldenlächeln vor die Fernsehkameras zu treten.

Seine Betrübnis über die Niederlage des freidemokratischen Koalitionspartner, der ihm häufig genug auf die Füße getreten hatte, war gewiß nicht nur gespielt. Mit dem Verschwinden der Freien Demokraten aus dem Senat ist eine Ära zu Ende gegangen, die mit Unterbrechungen seit Beginn dieses Jahrhunderts die Politik in der Hansestadt entscheidend mitbestimmte. Fast wehmütig erinnert Klose an die Zusammenarbeit von Sozialdemokraten und Liberalen, an „die Kombination von Arbeitnehmerschaft, Kaufleuten und Intellektuellen“, die von der Verbesserung des Wahlrechtes zu Kaisers Zeiten bis zur Auflockerung des Radikalenerlasses oft für eine frische Brise an der Alster gesorgt hat. Damit ist es nun vorläufig vorbei. Die Freien Demokraten haben verloren, weil sie das liberale Bürgertum durch Linksdrall und Holzhackermethoden im Rathaus vergraulten. Klose hat gewonnen, weil er einen großen Teil der freidemokratischen Klientele mit Stetigkeit und Charme beeindruckte.

Wer nach so vielen Seiten offen ist wie Klose, gerät leicht in den Verdacht, ein Mann ohne tiefere Überzeugungen zu sein. Seine politischen Gegner zeichnen ihn denn auch nur zu gern als konturenlosen Manager oder, je nach Bedarf, als schwankende Hamletfigur. Ein bißchen von beidem paßt gewiß in Kloses Psychogramm. Doch hinter seiner Verbindlichkeit verbirgt sich mehr: Takt und Anstand. Und sein scharf konturiertes Weltbild wird nur deshalb häufig übersehen, weil es sich nicht leicht über den sozialdemokratischen Leisten schlagen läßt. Denn wer für mehr staatliches Engagement in der Wirtschaft plädiert und somit wirtschaftspolitisch eher links steht, wer sich im Kampf gegen Kommunisten gern als rechter Recke sieht, wer den Terrorismus lieber mit liberalem Engagement als mit immer neuen Gesetzen entgegentreten möchte, und wer zudem noch in Kirchen über den Verfall der Moral oder den Nutzen der Familie predigt, der verstößt in der Tat gegen die gängigen Vorstellungen von einem jungen sozialdemokratischen Regierungschef.

Die Konzessionen an den sperrigen Koalitionspartner taten ein übriges, um das Erscheinungsbild des Bürgermeisters gelegentlich in diffuses Licht zu tauchen. Nach dem Verschwinden der FDP hat Hans-Ulrich Klose einen Klotz am Bein verloren – aber auch ein Alibi. Bei Schwierigkeiten kann er nun nicht mehr auf die widerspenstigen Liberalen verweisen. Die parteipolitische Arithmetik in der neuen Bürgerschaft verheißt ihm zwar freie Bahn – 69 SPD-Abgeordneten stehen nur 51 CDU-Parlamentarier gegenüber –, doch die Zahlen trügen. Nicht alle Mitglieder der Regierungsfraktion werden für den Bürgermeister und seine Pläne durchs Feuer gehen.