Unter den Regisseuren des „Neuen Hollywood“ gehört er neben Robert Altman zu den ältesten: ein stets freundlicher, langhaariger, graubärtiger Mann („Spät-Hippie“ würden manche ihn wohl nennen), der nach einer langen Lehrzeit als Cutter erst 1970 seinen ersten Film „The Landlord“ realisieren konnte. Von da an ging es rasch aufwärts mit der späten Karriere des Hal Ashby. Schon sein nächster Film, „Harold and Maude“, erlangte eine dauerhafte Kult-Reputation: die ebenso seltsame wie zärtliche Liebesgeschichte zwischen einem halbwüchsigen Neurotiker und einer konsequent unwürdigen Greisin. Ein Spezialist für ungewöhnliche Beziehungen ist Ashby geblieben: In „Shampoo“ konfrontierte er einen karrieresüchtigen Damen-Friseur mit diversen kaputten Damen aus den besseren Kreisen von Beverly Hills – ein mieser Don Juan vor der Kulisse der ersten Nixon-Wahl. In „Das letzte Kommando“ zeigte er das zwischen militärischem Auftrag und menschlicher Solidarität sich ambivalent entwickelnde Verhältnis zwischen zwei Militär-Polizisten und ihrem Gefangenen.

Keiner dieser Filme verhehlte einen gewissen kritisch in Anspruch, aber Ashby war allemal geschickt genug, seine Nadelstiche gegen gewisse Aspekte des aus den Fugen geratenen amerikanischen Traums in kommerziell eingängige Kino-Geschichte zu verpacken. Ein Mann des freundlichen Kompromisses: Es darf schon weh tun, aber doch nicht allzu sehr.

Insofern war Ashby wohl der ideale Regisseur für den ersten repräsentativen Vietnam-Film „Coming Home“ – Sie kehren heim“, der nach seiner europäischen Premiere jüngst in Cannes jetzt in unseren Kinos anläuft. Jane Fonda, die nach ihrer Zeit als militante Anti-Kriegs-Aktivistin allmählich an den Busen der großen Mutter Hollywood zurückfindet, ohne ihre politischen Positionen vollends aufzugeben, spielt die weibliche Hauptrolle und weist auch gleich darauf hin, man habe einen Film machen wollen, „der von allen verstanden wird und nicht einen Film für Menschen, die einseitig denken“.

Verstanden wird wohl vor allem der melodramatische Dreieckskonflikt zwischen der Offiziersgattin (Fonda), ihrem schneidigen Mann, der in den fernen Dschungeln Vietnams an den soldatischen Tugenden Amerikas zu verzweifeln beginnt (Bruce Dern) und dem zornigen, für immer in den Rollstuhl verbannten Vietnam-Veteranen (Jon Voight, der in Cannes einen verdienten Darstellerpreis bekam), zwischen dem und Jane Fonda sich eine Liebesgeschichte anbahnt: eine zarte, durchaus nicht kitschige Love Story, die Ashby mit einem fast dokumentarischen Erzähl-Duktus (die Sequenzen im Militär-Krankenhaus, das Elend der verkrüppelten Soldaten) überzeugend entwickelt.

Aber dabei bleibt es denn auch. Der Film kommt nicht über jenes rein humanitäre Pathos hinaus, mit dem Voight um seinen toten Freund trauert, der im Krankenhaus Selbstmord begangen hat: Mit einer langen Eisenkette verriegelt der zornige Mann im Rollstuhl ein Kasernentor – folgenlos natürlich. Die individuellen Verstrickungen der drei Hauptfiguren (der heimgekehrte Gatte geht edel ins Wasser) werden nur höchst oberflächlich in Verbindung gesetzt zum kriminellen Versagen der amerikanischen Politik. Auch die das Geschehen kommentierende Musik-Folge (Lieder der Beatles, der Stones, Steppenwolf, Simon & Garfunkel und andere) liefert eine authentische akustische Kulisse, ein Gefühl für spezifische Zeitstimmungen, aber keinen analytischen Ansatz. Man wird mit der Erkenntnis aus diesem Film entlassen, daß der Krieg in Vietnam eine schlimme Sache gewesen ist. Doch wer – außer vielleicht John Wayne – zweifelt noch daran? Ein so vorsichtiger (durchaus nicht unsympathischer) Film wie „Coming Home“ hätte vor zehn Jahren gedreht werden müssen, um mehr als unverbindliches Mitleid mit den Opfern zu erzeugen. Hans C. Blumenberg