Von Christel Hofmann

Der Weg zur Anstalt ist mühsam. Am Wochenende, wenn die Angehörigen Zeit haben, fahren die öffentlichen Verkehrsmittel noch seltener als an den Werktagen. So wird für den, der kein eigenes Auto hat, der Besuch in der Anstalt zur Tagestour.

Franziska lebt hier seit zwanzig Jahren. Die Besuche sind spärlich geworden, seit die Mutter tot ist und der Vater wieder geheiratet hat. Einmal im Jahr kommt er noch. Manchmal überspringt er auch ein Jahr. Meist kommt er zur Weihnachtszeit. Dann sitzen sie zwei, drei Stunden schweigend in der Cafeteria einander gegenüber. Mit der neuen Frau ist er ein neuer Mann für sie geworden. Das Heimatliche, Gewohnte ist von ihm abgefallen, ohne Spuren zu hinterlassen. Geschwister hat sie nicht und auch sonst niemanden. Außer dem Vater hat in den vergangenen zehn Jahren niemand von draußen sie besucht. Seit zwanzig Jahren lebt Franziska im grünen Abseits. Das Draußen ist inzwischen eher zum Feindbild als zur geheimen Sehnsucht geworden. Sie ist mit der Anstalt einverstanden. Sie ist hier zu Hause.

In dieses Einverständnis bricht eines Tages unvermittelt eine Patin ein, weil Patenschaften gerade aktuell sind. Eine ältere Witwe, beseelt von dem Gedanken, ihren Lebensabend durch gute Taten zu verklären, wird ihr von der Anstalt zugewiesen.

Franziska, geübt, sich in Unvermeidliches zu schicken, nimmt zögernd Kontakt auf. Sie gewinnt Vertrauen. Sonntag für Sonntag erhält sie nun Besuch von der Dame. Das geht fast ein Jahr so. Manchmal darf sie im großen Auto mit in die nahe Kreisstadt fahren. Dort schmeckt ihr die Torte viel besser, weil sie nicht – wie in der Cafeteria der Anstalt – noch halb gefroren serviert wird.

Franziska besteht bald darauf, alle Sonntage mit dem großen Auto in die Kreisstadt zu fahren. Der Torte wegen. Die Patin fügt sich – ein wenig staunend. Ein bißchen fühlt sie sich auch überrumpelt. Sie fügt sich auch, als Franziska feststellt, daß sie für die Besuche im Café der Kreisstadt nichts Rechtes anzuziehen hat. Franziska wird neu eingekleidet. Von Kopf bis Fuß. Ungeübt im Wünschen, schießt Franziska weit über das Ziel hinaus. Beseelt, Gutes zu tun, schlägt die Patin ihr keinen der Wünsche ab.

Doch Mißstimmung schleicht sich ein. Am Sonntag darauf schützt die Dame eine Erkältung vor. Sie ist verärgert. Franziska, bereits im Sonntagsstaat, erhält die Nachricht von der Erkältung der Dame, nachdem sie schon über eine Stunde vergeblich gewartet hat. Sie wird wütend, schreit, bekommt schließlich einen Anfall und muß zu Bett. Wenn sie sich so benimmt, wird ihr gesagt, darf die Dame am nächsten Sonntag auch nicht kommen.