Die Deutsche Bundesbahn rollt, so scheint es, mit gutem Beispiel voran. Die Benutzung der Bahn soll für Behinderte einfacher werden. Ein "Reiseführer für unsere behinderten Fahrgäste" ist jetzt an den Bahnhöfen erhältlich. Darin sind vierhundert Bahnhöfe aufgeführt. Der Leser erfährt zum Beispiel: Ist der Bahnhof für Rollstuhlfahrer zugänglich? Findet er einen Parkplatz, einen Rollstuhl-zugänglichen Fernsprecher? An wen kann er sich um Hilfe wenden? Wie kommt er auf den Bahnsteig?

Der Reiseführer ist hilfreich. Über eine Überschrift bin ich jedoch gestolpert: "Auch im Zug finden Sie sich schnell zurecht", wird dem Behinderten versprochen. Rosa Zeiten für Behinderte? Nein. Eine Fata Morgana der Bahnbeamten, denn Rollstuhlfahrer – auf 400 000 schätzt man ihre Zahl – kommen in der Regel nicht ins Abteil. Die Zugtüren sind zu schmal. So packen kräftige Bahnpolizisten oder Bahnarbeiter den Rollstuhlfahrer mit seinem Gefährt in den Gepäckwagen – sofern der Zug einen hat.

Angenommen – so etwas kommt ja vor – ein Rollstuhlfahrer muß auf die Toilette, wie findet er sich dann zurecht? In die Zugtoiletten kann er nicht, da die Türen zu schmal sind. Ich habe neulich mit einem Behinderten gesprochen, der war von Berlin nach Bayern ’zig Stunden im Gepäckabteil gefahren. Da muß man sich schon einen Tag vorher zum Durststreik entschließen.

Nicht einmal auf allen Bahnhöfen kann ein Fahrgast im Rollstuhl die Toilette benutzen. Nur jeder fünfte Bahnhof ist mit einem Rollstuhlzugänglichen WC ausgewiesen. Dabei hat die Deutsche Bundesbahn sogar Toiletten mitgerechnet, die nur über Stufen zu erklimmen sind. Doch woher einen Rollstuhl nehmen, der Treppen erklettert?

"Auf Verlangen des Schwerbehinderten wird diesem und ggf. seinem Begleiter – wenn es die Verhältnisse zulassen – auch die Möglichkeit geboten, im Gepäckwagen während der Fahrt zu verweilen." Der Satz ist den Beamten des Werben amtes der Deutschen Bundesbahn eingefallen. Doch der Schwerbehinderte darf verlangen, normal im Zug zu fahren. Er legt keinen Wert darauf, in Gesellschaft von Frischfleisch, Geflügelkisten und Kartons zu "verweilen".

Die Bundesbahn-Werber sollten ihr Angebot einmal ausprobieren. Vom Bürotisch aus läßt sich nicht ermessen, was es heißt, im zugigen Gepäckwagen zu sitzen, wo es im Winter zu kalt und im Sommer zu heiß ist. Doch die Bahn hat mit ihrem windigen Angebot immerhin Sinn für Humor gezeigt; der Packwagen-Service wird unter der Überschrift angeboten: "Welche Fahrvergünstigungen Behinderte bei Reisen auf den Strecken der DB haben."

Behinderte werden auf der Bahn je nach Behinderungsursache begünstigt oder benachteiligt. Kriegsbeschädigte haben den Vorzug, daß ihr Begleiter kostenfrei mitfährt. Außerdem können sie mit einer Fahrkarte der 2. Klasse in der 1. Klasse fahren. Wer von Kindheit an behindert ist (zum Beispiel Polio-Gelähmte, Spastiker), dem wird nicht nur die Vergünstigung der Kriegsopfer vorenthalten, er muß außerdem zusätzlich seinen Rollstuhl als Gepäckstück bezahlen!