Von Marlies Menge

Berlin, im Juni

Wer Fußballweltmeister wird, ist für die DDR-Bürger ein beliebteres Gesprächsthema als der Lagebericht Erich Honeckers vor dem Zentralkomitee der SED. Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, der sich durch den Text – fast vier Seiten im Neuen Deutschland – hindurchgequält hat. Viele haben ihre Informationen von westlichem Funk und Fernsehen. „Euch kann man es nie recht machen“, ereiferte sich eine Frau über die westliche Berichterstattung, „wird bei uns gesagt: Alles ist in Butter, schimpft ihr, es sei verlogene Schönfärberei. Wird gesagt: Wir haben Schwierigkeiten, legt ihr das gleich als Schwäche aus.“

Für jenes Gerücht, das unter DDRologen umging, Honecker sei überhaupt schon völlig entmachtet, man traue sich nur noch nicht, ihn auszuwechseln, hat man in der DDR ohnehin nur Kopfschütteln übrig. Viele freuen sich über den in seiner Rede bekundeten Entspannungswillen; Honeckers Einladung an den Ständigen Vertreter der Bundesrepublik in Ostberlin, Günter Gaus, zu dem Gespräch am Dienstag dieser Woche nehmen sie als Bestätigung. Die Offenheit, mit der auf der ZK-Tagung über Planrückstände, Versorgungsengpässe und Qualitätsmängel geredet wurde, wertet man eher positiv: „Ehrlichkeit ist immer gut. Sicher – das ändert noch nichts, aber Schwierigkeiten beim Namen zu nennen, ist die erste Voraussetzung dafür, sie zu überwinden.“

Daß es eine Menge zu überwinden gilt, darin sind sich die Bürger mit ihrem Parteichef einig. Arbeiter wehren sich allerdings dagegen, daß die Planrückstände mit „Schinderei, Vergeudung von Arbeitskraft und Bummelantentum“ entschuldigt werden, wie es der Vorsitzende des Ministerrats, Willi Stoph, getan hat. Sie sagen: „Wir bummeln nicht. Schließlich werden wir nach Leistung bezahlt. Die da oben planen, aber wir müssen es doch machen.“

Auch Betriebsleiter wollen die Schuld nicht auf sich nehmen: „Der Leiter hat auch nur einen Buckel. Auch ihm wird doch von oben gesagt, was er machen soll, und das macht er, ob er es nun gut findet oder nicht. 30 Jahre hat er gelernt, daß es gut ist, den Mund zu halten. Auf einmal soll er volle persönliche Verantwortung übernehmen!“ Und wenn sich Honecker über Sonderschichten und Überstunden aufregt und auch diese den Leitern anlastet, fragen die Betroffenen: „Was, bitte schön, soll ein Leiter machen, dem gesagt wird: Das und das mußt du bis übermorgen fertig haben, und es fehlt ihm Material? Da nützt ihm die bessere Beherrschung des Produktionsprozesses, die Honecker von ihm verlangt, doch gar nichts. Da bleibt ihm nichts weiter übrig, als auf das Material zu warten und dann Überstunden zu machen. So verteuert sich zwar das Ganze, aber es ist pünktlich fertig.“

Honecker hat angekündigt, immer mehr Betriebe in großen Kombinaten zusammenzufassen, die den Ministerien direkt unterstellt sind. Als Ergebnis erwarten die meisten davon nur noch straffere Leitung. „Immerhin könnte man auf diese Weise Leiter einsparen und sie in die Produktion schicken“, frotzelte ein Arbeiter. Erinnert manches, etwa der Unmut der Parteispitzel über die mangelnden Fähigkeiten leitender Wirtschaftskader oder der Ärger vieler Arbeiter an Rudolf Bahros Kritik des realen Sozialismus, so sind solche Ähnlichkeiten sicherlich zufällig; die Arbeiter haben Bahro bestimmt nicht gelesen;