Von Aloys Behler

Ein Etikett aus Dresdener Jugendtagen ist an ihm haftengeblieben: "E dieregder Lewe is er ja nich", hatten die sächsischen Freunde gesagt, als sie ihren Lieblingsfußballer Helmut Schön für höhere Ehren empfahlen und dabei vorsorglich einen gewissen Mangel an Robustheit zu bedenken gaben. Nein, ein direkter Löwe ist er nicht gewesen, der Helmut Schön, weder damals, als er in sechzehn Länderspielen siebzehn Tore für Deutschland schoß, noch später, als ihn das Schicksal und sein Vorgänger Sepp Herberger zum Bundestrainer des deutschen Fußballs machten. Deshalb wird, wenn er nun mit Ablauf seiner Pflichten bei der Weltmeisterschaft in Argentinien zurücktritt von dem Amt, das er vierzehn Jahre lang so unbeherzt-sensibel wie bravourös ausgefüllt hat, dies für Helmut Schön ein besonderes Vergnügen sein: jetzt endlich kein direkter Löwe mehr sein zu müssen.

Mit Helmut Schöns Rückzug ins Abseits der Pensionierung geht im deutschen Fußball eine Ära zu Ende, die – daran führt kein Flankenlauf der Kritik und des Kollegenneids vorbei – von diesem Mann wesentlich geprägt worden ist. Helmut Schön hat Jahre gebraucht, bis er soweit anerkannt war, daß man ihn nicht mehr für eine Fehlbesetzung hielt; unterschied er sich nach Mentalität, Statur und Führungsstil doch allzu sehr von dem knorrigen, autoritären Sepp Herberger. Heute neigen mehr und mehr Experten der Ansicht zu, daß in einer Zeit, in der sich selbstbewußte Profis bis zur Keckheit emanzipieren, eine Erfolgsserie, wie sie die deutsche Fußballelf in den letzten zwölf Jahren hatte (ein erster, ein zweiter, ein dritter Platz bei Weltmeisterschaften, ein erster und ein zweiter bei Europameisterschaften), überhaupt nur mit einem Mann von der anti-autoritären Art Helmut Schöns möglich war. Die These hat einiges für sich, mag die derzeitige Weltmeisterschaft in Argentinien für die Deutschen ausgehen, wie sie will.

Es liegt viel Ungereimtes auf dem beruflichen Weg des Helmut Schön. Seinem Vater, einem Dresdner Kunsthändler, war Fußball ein Greuel. Auch dem Sohn ist vieles ein Greuel, was Fußball so mit sich bringt. Zum Beispiel die unvermeidliche Darstellung und Selbstdarstellung in den Medien. Nur mit größtem Unbehagen setzt Helmut Schön seine knapp 1,90 Meter aufragende Gestalt (die Angaben schwanken zwischen 1,86 und 1,89; offensichtlich kann ein Bundestrainer den Kopf nicht immer gleich hoch tragen) dem Flutlicht des öffentlichen Interesses aus; nur mit Widerwillen stellt er sich auf Pressekonferenzen dem üblichen Frage-und-Antwort-Spiel, wenngleich er es mit den Jahren zu einer gewissen Reife in der Technik gebracht hat, dumme Fragen nichtssagend zu beantworten. Auffällig ist, daß Helmut Schön, dem die Schlitzohrigkeit seines Vorgängers Herberger gänzlich abgeht, sich bei derlei Gelegenheiten oft schlecht "verkaufte" und jahrelang ein schlechtes Verhältnis zu einem großen Teil der Presse hatte. "Nicht Krieg, aber so etwas in dieser Richtung", umschrieb er dieses Verhältnis gegenüber einem Vertreter der Sunday Times. "Ich versuche, mit den Presseleuten auszukommen; aber manchmal ist das, was ich zu sagen habe, nicht das, was sie hören wollen." Dies ist die resignierende Feststellung eines Mannes, der fast zu redlich ist für das rauhe Gewerbe, das er eineinhalb Jahrzehnte lang betrieben hat – paradoxerweise mit soviel Erfolg wie kein anderer Trainer auf der Welt,

Der Erfolg, der wiederholte .Erfolg war schließlich das einzige Alibi’ für Helmut Schön, der nach landläufiger Meinung lauter Eigenschaften hat, die einen Mann gerade nicht als Boß einer Fußballtruppe, zumal der nationalen, prädestinieren. Helmut Schön gilt als freundlich, verbindlich, sensibel bis empfindlich, als zu wenig couragiert, als zaudernd und eher vorsichtig denn mutig – als "kein direkter Löwe" eben. Wie kann, wie konnte ein solcher Mann in all den Jahren soviel Siege sammeln?

Nach der Überzeugung vieler, die sich für Fachleute hielten, hätte Helmut Schön, der Kunsthändlersohn, der Opern- und Rosenfreund, der Schöngeist im Typen-Arsenal des Trainergewerbes, der weder ins alte Klischee des Fußball-Feldwebels, noch ins neue Bild des Managers paßten längst scheitern müssen; und wenn seine Karriere jetzt in Argentinien mit einer Enttäuschung zu Ende gehen sollte, werden auch die Kritiker wieder Laut geben und behaupten, daß es Helmut Schön an Feldherrn-Qualitäten eben doch fehle. Sollte er aber, wider Erwarten, seine Mannschaft nach dem Gusto der deutschen Fans noch einmal sehr weit vorn in der WM-Siegerliste placieren. können, wird auch die alte Erklärung wieder zur Hand sein, die alle Gründe für Helmut Schöns Erfolge im Transzendentalen vermutet: Er hat, so hat es einmal einer schön formuliert, den "direkten Draht zum Himmel".

Hat er vielleicht tatsächlich. Aber das wäre ja, weiß Gott, nicht nur im unberechenbaren Fußballgeschäft keine schlechte Referenz. Argwöhnisch und wohl auch ein bißchen verwirrt über Helmut Schöns wundersame glückliche Hand haben die Kollegen aus der Branche das Wirken des Bundestrainers immer wieder unter die Lupe genommen. An Ratschlägen und an Urteilen über seine Tätigkeit, vorgetragen von Leuten, die es auf jeden Fall immer besser wußten, wenn schon nicht besser konnten, hat es Helmut Schön deshalb nie gemangelt. Das charmanteste Kompliment wurde ihm aus dem Munde seines Wiener Kollegen Max Merkel zuteil, der ihm nach vollzogener WM-Auslosung gratulierte: "Helmut, das Glück ist wie ein Vogel, wo es einmal hingeschissen hat, macht es immer wieder hin."