Alles starrt jetzt auf die hessischen Liberalen und ihre Koalitionsaussage

Von Rolf Zundel

Bonn, im Juni

Die müssen schnell ihr Kirchenpapier verbrennen und viele Kerzen anzünden", spöttelte ein Sozialdemokrat angesichts der Schwierigkeiten der FDP, das Klassenziel in Hessen zu erreichen. Und nicht ganz frei von eigennützigen Anwandlungen seufzte er sogleich: "Hoffentlich hilft’s." Schwer haben sie es schon, die Liberalen. Der Schreck von Hamburg und Niedersachsen ist noch nicht abgeklungen, da gilt es, einer neuen, schlimmeren Drohung zu begegnen: die Niederlage in Hessen abzuwenden, die das Ende der Bonner Koalition und vielleicht den Ruin der Partei bedeuten würde.

Die Freien Demokraten spüren plötzlich und schmerzhaft, wieviel Abneigung ihnen entgegenschlägt. Hämisch werden die Ministersessel gezählt, die seit Beginn der Bundesrepublik von Liberalen besetzt waren. Die angebliche Unmöglichkeit, von der FDP nicht regiert zu werden, ist Anlaß zu beredter Klage in vielen Gazetten. Altkanzler Kurt Georg Kiesinger, der alten Groll gegen die Liberalen hegt und sie schon nach der Bundestagswahl von 1969 aus den Landtagen hinauskatapultieren wollte, weil ihm mit ihrer Hilfe die Kanzlerwürde stibitzt worden war, ist plötzlich wieder gefragt. Er steht gewiß nicht allein mit seiner Meinung, durch das Auftreten der FDP würden schon seit langem Wahlentscheidungen verfälscht.

Gedämpfte Kritik

Auch der bisher – ziemlich fraglos – populäre Hans-Dietrich Genscher findet plötzlich Kritiker. Die Ministerjäger des Spiegel stellen nun, nachdem Maihofer zur Strecke gebracht ist, dem FDP-Platzhirschen nach, und die Welt, die unter allen Umständen den Machtwechsel in Bonn herbeiführen möchte, bringt sogar Bundespräsident Scheel gegen seinen Nachfolger im FDP-Vorsitz in Stellung. Auf den offiziellen Veranstaltungen der Partei allerdings ist noch kein kritisches Wort über den Parteichef gefallen, weder im Bundesvorstand noch im Hauptausschuß von Nordrhein-Westfalen. Nur einige Einzelkämpfer, die nicht so streng in der Zucht stehen, machen den Mund auf. Willy Weyer, der breitbrüstig und entscheidungsstark in die Parteilegende eingegangen ist, eine Art John Wayne der FDP, moniert Führungsschwäche bei Genscher, Recht spitz notiert Karl Moersch, ehemaliger Gehilfe des Außenministers: "Die Führung der Partei zeigt seit langem Furcht vor kontroversen Auseinandersetzungen." Aber noch ist die Partei unter Kontrolle.