Die Gespräche Washington-Moskau haben das Ziel eines Waffenabbaus weit verfehlt

Von Josef Joffe

Seit neun Jahren verhandeln Amerikaner und Sowjets über die Begrenzung ihrer strategischen Waffen; seit neun Jahren wachsen ihre Atomarsenale dennoch schneller als in der Eiszeit des Kalten Krieges. Das Fazit: Abrüstung wurde zur Aufrüstung, die Entspannung führte zum ehrgeizigsten Waffenbeschaffungsprogramm aller (Friedens-)Zeiten.

An dieser paradoxen Salt-Bilanz läßt sich nicht herumdeuteln. Als die beiden Salt-Delegationen am 17. November 1969 in Helsinki zum erstenmal zusammentrafen, besaßen beide Supermächte rund 3500 Abwurfsysteme – also Raketen und Bomber – mit 4500 Kernsprengköpfen. Heute, nach dem ersten Salt-Vertrag von 1972 und dem – allerdings nie in Kraft gesetzten – Wladiwostok-Abkommen von 1974, das Präsident Ford als "Durchbruch" feierte, besitzen die Weltmächte 4600 Trägerwaffen, die über 15 000 Sprengköpfe ins Ziel tragen können. Nach neun Jahren Bemühungen um eine strategische Rüstungsbegrenzung haben die Russen die Zahl ihrer Trägersysteme fast verdoppelt, die Amerikaner ihren Bestand an Sprengköpfen vervierfacht. Der erste Salt-Vertrag lief im vorigen Herbst aus, wird jedoch so behandelt, als gelte er noch. Seit einem halben Jahrzehnt basteln Amerikaner und Sowjets an einem zweiten Salt-Vertrag – vergeblich, wenngleich immer wieder verkündet wird, "90 Prozent aller Probleme seien bereits gelöst". Selbst wenn der neue Vertrag noch in diesem Sommer zustande käme, ist wegen der amerikanischen Kongreßwahlen im kommenden November nicht damit zu rechnen, daß er noch in diesem Jahr vom Senat ratifiziert werden könnte.

Gemessen an der historischen Erfahrung wäre der Salt-II-Vertrag schon beinahe ein politisches Wunder. Sein Kernstück ist eine tatsächliche Verringerung der Trägerwaffen auf eine gemeinsame Obergrenze von 2250 Systemen. Die Sowjets müßten annähernd 300 Raketen und Bomber verschrotten, während allerdings die Amerikaner ihren Besitzstand wahren könnten. Eine wirkliche Abrüstung hat es in diesem Jahrhundert nur zweimal gegeben: durch das Diktat der Siegermächte nach den beiden Weltkriegen. Salt I und der Entwurf von Wladiwostok waren ihrem Wesen nach Aufrüstungsübereinkünfte – abgesehen von der drastischen Begrenzung der Raketenabwehrsysteme, an deren Nutzen 1972 zumindest die Amerikaner nicht mehr glauben wollten. Die Amerikaner konzedierten den Sowjets damals 2358 Trägerwaffen – immerhin 500 mehr, als die Russen überhaupt besaßen. In Wladiwostok waren die beiden Weltmächte nicht weniger großzügig. Sie einigten sich auf 2400 Offensivsysteme – auf eine Höchstgrenze, die beide damals noch gar nicht erreicht hatten. Die Sowjets haben diese Grenze sogar überschritten. Den "Durchbruch" in der Rüstungsbegrenzung hat es also in Wahrheit nie gegeben, sondern statt dessen den "Aufbruch" zu vermehrter, obendrein technologisch verfeinerter Atomrüstung.

Salt I war nur dem Namen nach eine Verhandlung über die Begrenzung der strategischen Potentiale. Der eigentliche Sinn dieser Übung war gleichwohl hochpolitischer Natur: Nixon und Kissinger wollten die Sowjets in einen stabilen Entspannungsdialog einbinden, nicht zuletzt in der Erwartung auf einen sowjetischen Konfrontationsverzicht während des Vietnamkrieges. Der Preis für diese Politik war die Bereitschaft Amerikas zur "Parität" in der Rüstung, zu einer Konzession gegenüber den Sowjets, die als atomare Emporkömmlinge die Schmach von Kuba nie vergessen hatten. "Wir werden uns nie wieder so überrumpeln lassen", hatten die Russen beim Abzug ihrer Raketen aus Kuba gelobt; danach wurde der Versuch, mit Amerika atomar gleichzuziehen, zum obersten Ziel sowjetischer Politik. Washingtons Angebot zur Parität erlaubte also gar keine Reduzierungen beim ersten Salt-Abkommen. Zunächst ging es erst einmal um die Ebenbürtigkeit des sowjetischen Nachzüglers, um Moskaus Aufrüstung.

Trügerische Ruhe