Eine blonde Dame, Dolores B., schwebt waagerecht in der Luft; ein schwarzer Magier aus Mauretanien, Abdul el Ojala, brummelt geheimnisvolle Sätze. Ein alter, lahmer Bischof erhebt sich plötzlich aus seinem Rollstuhl und wandelt. Schwarzvermummte Herren schießen wild um sich, am Ende der Schießerei stürzen sie steif und tot aus der Kulisse. Ein komischer kleiner Mann mit Buckel verliebt sich in eine sehr sinnliche, selbstverständlich rothaarige Gräfin. Sofas, Stühle, Wanduhren, wie Marionetten an Schnüren aufgehängt, schaukeln durch das dunkle, leere Bühnenhaus. Am Bochumer Theater spielt man ein Zauber- und Schauerdrama: „Der Admiral von der traurigen Gestalt“.

„Die Ställe sind verfallen. Die Felder sind leer.“ Irgendwo in einem verarmten Dorf, in einer leergeräumten Wohnung, liegt eine alte Frau im Sterben, hadert und scherzt mit Gott, erinnert sich an ihre Söhne. Der eine, ein wilder Geselle wie Ibsens Peer Gynt, kommt rechtzeitig nach Hause, erzählt seiner Mutter Geschichten, spielt mit ihr „Schlaraffenland“ – so hat sie einen schönen, heiteren Tod. Der andere Sohn, ein verängstigter, ewig verschämter Subalterner, eine Figur wie aus einer Erzählung von Kafka, trifft erst zur Beerdigung ein. Beide Brüder machen sich auf die Suche nach ihrem verschollenen (gestorbenen?) Vater. Am Bochumer Theater spielt man ein Stück über Eltern und Kinder, über Träume und Ängste, über das Erinnern und Vergessen. Ein Familiendrama, „eine Geschichte, die von Ibsen und Kafka beeinflußt wurde“. Auch ihr Titel: „Der Admiral von der traurigen Gestalt“.

In Bochum spielt man also viele verschiedene Stücke mit ein und demselben Titel an. ein und demselben Abend. Das Chaos war gewollt, denn die vielen Stücke haben viele Autoren, mindestens dreizehn: Ibsen und Kafka, den Regisseur Augusto Fernandes, den Bühnenbildner Götz Loepelmann, den Dramaturgen Herbert Fischer, acht Bochumer Schauspieler. Und Cervantes gab den Titel. „Der Admiral von der traurigen Gestalt“ ist ein „Gruppenprojekt“ – ein Drama ohne Dramatik und Dramaturgie, in monatelangen Proben zusammengesetzt aus den Erfindungen, Erinnerungen, Wahnvorstellungen von dreizehn sehr verschiedenen Menschen – wobei die beiden toten Mitarbeiter, Kafka und Ibsen, sicher die unwichtigste Rolle gespielt haben.

Schauspieler erfinden ein Stück: das ist hierzulande, wo die Darsteller zwar sehr perfekt und gelehrsam ihrer Arbeit nachgehen, immer aber an der Hand des Regisseurs und Autors, noch immer ein tollkühnes Unterfangen – auch wenn man sich in Bochum besonders gut darauf vorbereitet hat.

Denn vor zwei Jahren hatte Fernandes mit fast derselben Gruppe das Stück „Atlantis“ gezeigt; und was die Schauspieler damals an Witz und an Traurigkeit, an Sprach- und Clownsphantasie in sich entdeckten, weckte einen utopischen Abend lang die Hoffnung, das Theater könne dereinst auch ohne seine genialen Despoten, ohne Autor und ohne Regisseur, auskommen. Das ist ein Traum gewesen, aber ein schöner. Der Versuch, ihn zu wiederholen, ist nun gescheitert. „Der Admiral von der traurigen Gestalt“ ist eine Art Fortsetzung von „Atlantis“ – und dessen (immer noch sehr schön anzusehender) Untergang. „Atlantis“: das war ein Stück, weil es gar kein Stück sein wollte, nur ein Spielgegenstand. „Der Admiral“: das ist kein Stück, weil es unbedingt ein Stück sein möchte, ein Kunstgegenstand.

Fernandes’ Ehrgeiz, nicht wieder nur Szenen, szenische Assoziationen aneinanderzureihen, sondern „eine richtige Geschichte“ zu erzählen und seine Sucht nach ästhetisch Wohlgestalten, eben nicht beliebigen oder gar unordentlichen Bildern entmachten gerade den wichtigsten Mitarbeiter so einer Gruppenarbeit: den Zufall. Daß die Geschichte keine komplette Geschichte wird, sondern eine voller Dunkel, daß die Bilder immer wieder auch wie Trugbilder aussehen, daß es am Ende mehr Rätsel gibt als am Anfang – selbst das wirkt in Fernandes’ erlesen komponierten, vom Ensemble sehr behutsam, fast betulich vorgeführten Szenen nicht wie heitere Willkür, sondern wie surrealistisches Kalkül. Ausgerechnet das Gruppentheater führt an diesem Abend die Eigenarten und die Unarten des deutschen Regisseurtheaters vor, dessen Schönheitskult und Monumentalismus – auf eine allerdings gänzlich undeutsche Art.

Denn daß Kunst nur ein anderes Wort ist für Mühe, widerlegt Fernandes’ Theater beinahe anstrengungslos. Die Schauspieler in seinen Inszenierungen bewegen sich nicht wie Schwerarbeiter über die Bühne, sondern mit einer selbstverständlichen, fast kindlichen Grazie. Es wird nicht gebrüllt und nicht geschwitzt, es findet weniger ein Schauspiel statt als ein Spiel. Und auch der Bilderzauber, den Fernandes und Loepelmann entfesseln, hat nichts Teutonisch-Wagnerianisches – selbst heftigste Effekte (wie die an Schnüren schwebenden Möbel) handhaben sie mit einer fast lässigen Eleganz.