Von Ulrich Schiller

Los Angeles, im Juni

Die Kapelle spielte immer hitziger, die Menschen im Festsaal des Biltmore-Hotels in Los Angeles wurden immer unruhiger. Plötzlich entlud sich die Spannung in einem einzigen jubelnden Aufschrei. Die vorwiegend älteren Damen und Herren sprangen auf und tanzten wild durcheinander, denn ihr Held war auf der Bühne erschienen: Howard Jarvis, der Steuerrebell von Kalifornien. Gemeinsam mit seinen Anhängern konnte er in der Nacht zum letzten Mittwoch einen überragenden Sieg feiern.

Die Los Angeles Times sprach anderentags von einem Erdrutsch. Diese Bewertung war nicht übertrieben. Mit einer Mehrheit von 2:1 hatten die Wähler Kaliforniens für eine Änderung der Landesverfassung gestimmt. Grundstückssteuern sollen danach ab 1. Juli von bisher drei auf ein Prozent des Schätzwertes von 1975/76 gesenkt werden, die Schätzwerte dürfen um nicht mehr als zwei Prozent pro Jahr angehoben werden, und die Verordnung neuer Steuern bedarf der Zustimmung einer Zweidrittelmehrheit im Landesparlament. Das war es, was Howard Jarvis für den Verband der Steuerzahler und Paul Gann für die Vereinigung people’s advocate als Volksbegehren unter dem Titel „Proposition 13“ auf die Stimmzettel der Vorwahlen für die Gouverneurswahlen gebracht hätten – mit der dreifachen Zahl der erforderlichen Unterschriften. Wie elektrisiert schien ganz Kalifornien. „Proposition 13“ mobilisierte die apathischen Wählermassen, und es weckte Auseinandersetzungen.

Das Schicksal Amerikas stand freilich bei dem Referendum nicht auf dem Spiel, wohl aber die Existenz vieler Kalifornien „Wir Kalifornier sind eine Nation von Hausbesitzern“, sagt ein Mann in Palos Verdes, „wenn das mit der Grundsteuer so weitergeht, sind wir alle ruiniert.“ Die Vorortgemeinde im Südwesten von Los Angeles, auf einer Halbinsel über dem Pazifik, ist im Vokabular der Häusermakler „Gute Lage“. Typische Mittelklasse wohnt hier. Da und dort steht ein Boot oder ein Camper in der Einfährt der eher bescheidenen Häuser. Es blüht in den Vorgärten, Oleandersträuche verdecken die Haustür, Glyzinien breiten ihre blauen Dolden aus, Vogelgezwitscher macht die Ruhe hörbar. Die Bakers haben ihr Haus vor fünf Jahren gekauft, damals schon für 80 000 Dollar (rund 170 000 Mark). „Voriges Jahr bekamen wir den Bescheid“, sagt die Hausfrau, „daß der Schätzwert unseres Hauses auf 180 000 Dollar erhöht worden sei Und daß wir statt wie bisher 2000 Dollar jetzt 6000 Dollar Grundsteuer bezahlen sollten.“

Die Bakers sind kein Einzelfall. In Los Angeles County, dem am härtesten betroffenen Bezirk Kaliforniens, war ein Drittel aller Hausbesitzer – über 500 000 – allein in diesem Jahr mit mehrfach erhöhten Grundsteuern belegt worden. Familiendramen und Notverkäufe waren die Folge. Aus Angst vor dem Volksbegehren am 6. Juni stoppte die Behörde dann die Ausgabe der Bescheide, aber Verwirrung und Zorn waren bereits übergeschwappt. Der Staat, so schien es vor allem Pensionären und Beziehern kleiner und mittlerer Einkommen, schickte sich an, den amerikanischen Traum vom eigenen Haus zu zerstören.

Diese explosive Stimmung heizte Howard Jarvis vor ein paar Monaten mit seinem Antrag auf ein Volksbegehren gegen die Steuererhöhungen weiter an. Schon dreimal hatte der ehemalige Zeitungsverleger, Kaufmann, Fabrikant und gegenwärtiger Verwalter von Apartmenthäusern den Aufstand der Steuerzahler geprobt. In den Rathäusern war er verschrien als eigenwilliger Kauz, was ihn zu dem derben Eigenlob veranlaßte, ein „alter Bastard“ zu sein.