Von Werner Abelshausen

Es ist fast wie ein Wunder“, kommentierte schon im August 1948 der Oberdirektor des Vereinigten Wirtschaftsgebiets, „Bizonen-Kanzler“ Hermann Pünder (CDU), die wirtschaftliche Entwicklung nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948. Die Legende vom „Wirtschaftswunder“ war geboren. In der Erinnerung der Deutschen markiert weder die Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949. noch die Konstituierung des Bonner Parlaments am 7. September 1949, sondern die Währungsreform den entscheidenden Neubeginn in Wirtschaft und Staat nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.

Zu Unrecht: Als die Währungsreform am 20. Juni durchgeführt, als am 24. Juni mit dem „Gesetz über Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform“ ein entscheidender Schritt in Richtung Marktwirtschaft gemacht und als im Oktober 1948 die ersten Lieferungen aus dem Marshallplan in deutschen Häfen gelöscht wurde, war der Wiederaufstieg der westdeutschen Wirtschaft schon seit Monaten in vollem Gange. Durch die Währungsreform wurde das Wachstum der industriellen Erzeugung nicht einmal wesentlich beschleunigt. Umgekehrt aber wäre der Währungsschnitt ohne den stetigen Wirtschaftsaufschwung seit dem Herbst 1947, der die Lager füllte, zum Scheitern verurteilt gewesen. Nicht die Währungsreform steht daher am Beginn des westdeutschen Wirtschaftsaufstiegs. Ein erfolgreicher Aufschwung hat die Geburt der D-Mark am 20. Juni 1948 erst möglich gemacht.

An jenem „Schicksalstag des deutschen Volkes“ (Ludwig Erhard) wurden 93,5 Prozent des entwerteten Reichsmark-Volumens von den Westalliierten aus dem Verkehr gezogen – der radikalste Währungsschnitt der deutschen Geldgeschichte. Zur Verblüffung der Öffentlichkeit tauchten in den Läden noch am selben Tag wieder massenhaft jene Waren auf, die für Reichsmark-Besitzer vorher nicht zu haben waren. Dieser Schaufenstereffekt war es, der auch erfahrene Beobachter wie den französischen Währungsexperten Jacques Rueff – damals Vorsitzender der internationalen Reparationskommission – zu kühnen Einschätzungen hinriß: „War schon der Umfang dieses Wiederaufstiegs erstaunlich, so noch mehr seine Plötzlichkeit. Er setzte auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens auf den Glockenschlag mit dem Tag der Währungsreform ein.“ –

In Wahrheit hatte die Glocke schon im Laufe des Jahres 1945 wieder geschlagen. Schon bald nach dem absoluten Tiefstand der Produktion im zweiten Quartal 1945 setzten systematische Bemühungen der angelsächsischen Besatzungsmächte ein, die wirtschaftliche Aktivität in ihren Zonen wieder in Gang zu bringen. Während die Briten – sei es aus Weisheit, sei es aus Unvermögen – keine offiziellen Richtlinien formuliert hatten, war die amerikanische Militärregierung am Anfang mit dem Verbot Washingtons konfrontiert, „Maßnahmen zu ergreifen, die a) die wirtschaftliche Wiederaufrichtung Deutschlands oder b) die Aufrechterhaltung oder Stärkung der deutschen Wirtschaft zum Ziele haben“.

Lucius D. Clay, der amerikanische Militärgouverneur, forderte jedoch schon im Mai 1945 die Modifikation der Direktive, damit „so rasch wie möglich ein positives Programm entwickelt werden“ könne. Washington gab nach – ohne jedoch die Richtlinien der amerikanischen Deutschlandpolitik offiziell zu revidieren.

Tatsächlich nahm die Produktion in beiden Zonen ohne Unterbrechung durch den Winter bis Ende 1946 schnell zu. Die industrielle Erzeugung hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als vierzig Prozent des Standes von 1936 erreicht. Damit war aber beiweitem nicht alles ausgeschöpft, was die Bizonenwirtschaft aus dem Stand heraus produzieren konnte. Die Ausgangsbedingungen für einen schnellen Wiederaufbau waren wider Erwarten nicht ungünstig. 1946 gab es im Gebiet der Bizone kaum weniger Erwerbspersonen als am Vorabend des Weltkrieges. Die Kapitalausstattung war in den Jahren 1936 bis 1945 trotz Bombenkrieg sogar um zwanzig Prozent gewachsen. Das Ausmaß der Zerstörungen ging nicht über die Zahl der industriellen Anlagen hinaus, die während des Krieges neu hinzugekommen waren. Auch war die altersmäßige Zusammensetzung der Anlagen und ihr Gütegrad 1945 außerordentlich günstig – eine paradoxe Folge der gewaltigen Investitionen in die Rüstungsindustrie vor und während des Krieges.