Von Rolf Michaelis

Es gibt Landstriche, wo sich Dichter gern treffen." Als Alfred Kolleritsch vor fünf Jahren diesen Satz schrieb, konnte er nicht wissen, wie recht er hatte. Der 1931 im steiermärkischen Dorf Brunnsee geborene Lockenkopf, der als Gymnasial-Professor (Spezial-Gebiet: Philosophie) in Graz sein Brot verdient, formulierte diese Erkenntnis vor fünf Jahren, als Einleitungs-Satz für ein "Kulinarisches Lesebuch", das unter dem Titel "Da nahm der Koch den Löffel" im Residenz Verlag erschienen ist.

Alfred Kolleritsch war, schon damals, eine der wichtigsten Gestalten der österreichischen (also: deutschsprachigen) Literatur: Herausgeber der (für die moderne Literatur deutscher Sprache in den letzten Jahren wichtigsten) Zeitschrift "manuskripte"; Leiter des "Forum Stadtpark" in Graz; Verfasser zweier Romane, "Die Pfirsichtöter" (1972), "Die grüne Seite" (1974).

Was wir in seinem ersten, in diesen Tagen erscheinenden Gedichtband, "Einübung in das Vermeidbare" (Residenz Verlag, Salzburg; 107 Seiten, 15,80 DM) kennenlernen, sind philosophische Gedichte als Lieder der Liebe. Da ist die Rede von der "schweren Krankheit des Denkens", von der "Hoffnung, alles anders zu sehen" und davon, "hinter die Dinge zu gehen". Kolleritsch dichtet im Bewußtsein der Trauer um das verlorene Paradies ("Aber wie schön/haben wir es einmal gewußt") und der Hoffnung auf ein reicheres Dasein ("Hingesetzt auf diese Sandbänke/träumen wir von Steinen").

Die Gedichte, die den Zweifel, die Frage immer schon mitformulieren und lyrische Zeugnisse philosophischer Dialektik sind ("Voll Gegenbewegung ist manches"), öffnen sich am Ende oft in ein Reden im Irrealis, zwischen Trauer und Traum: "Er sagte,/käme die Sonne,/ich würde nicht umschauen,/ich ginge dir nach"; "Wo das Meer ist,/könnte ich schwimmen,/wären wir eins geblieben."

In seiner Rede auf den Preisträger sprach Peter Handke zu Recht von der "so kindlichen wie erwachsenen Philosophie" dieser "mit Feuerzungen redenden Liebesgedichte", deren "philosophische Sprache" sich "dringend" ergibt, ohne "gewollt" zu sein.

Die "Landstriche, wo sich Dichter gern treffen", sind für den Petrarca-Preis genau zu bestimmen. 1975 trafen sich die fünf Preisrichter (Nicolas Born, Bazon Brock, Peter Handke, Michael Krüger, Urs Widmer) zum erstenmal: auf dem Mont Ventoux in Südfrankreich. Dort wurde mit dem damals am höchsten dotierten deutschen Literaturpreis (20 000 Mark) das Werk des kurz zuvor gestorbenen Rolf Dieter Brinkmann ausgezeichnet. Ein Jahr später versammelte sich die Jury und ein rasch wachsender Kreis von Freunden in dem Berggarten hinter dem seit Jahrhunderten kaum veränderten Haus, in dem der Renaissance-Dichter 1374 gestorben ist, um den Preis an die damals noch in Ost-Berlin lebende Lyrikerin Sarah Kirsch und an den seit einem halben Jahrhundert im Ruhrgebiet dichtenden Ernst Meister zu vergeben. Ein Jahr später gab es in Frascati bei Rom Krach: Herbert Achternbusch verbrannte den Scheck, der ihm das Geld für einen neuen Film, einen neuen Roman gebracht hätte. Nach der von einem (zu) großen Troß und (zu) viel Publizität begleiteten Veranstaltung im letzten Jahr: jetzt eine wohltuend ruhige, kleine Feier unter Freunden, in Arezzo, wo Francesco Petrarca 1304 geboren wurde, und in der Provinzhauptstadt Siena, knapp hundert Kilometer entfernt.