Von Theo Sommer

Washington, im Juni

Über ein Jahr lang hat Jimmy Carter gegenüber der Sowjetunion einen unsteten Zickzackkurs gesteuert. Je nachdem, ob "Tauben" oder "Falken" ihm seine Reden aufsetzten, spielte er das weltpolitische Gewicht des Kreml fast bis zur Bedeutungslosigkeit herunter oder beschwor das Schreckensbild einer neuen roten Gefahr herauf, Eine Linie war da schwer zu erkennen.

Letzte Woche erst, vor den Kadetten der Marineakademie Annapolis, rang Carter sich zu einer ausgewogenen, realistischen, aus einem Guß und Geist geformten Erklärung durch. Der Kern: "Unser Verhältnis zur Sowjetunion wird auf lange Zeit hinaus ein Konkurrenzverhältnis sein. Wenn die Konkurrenz konstruktiv sein soll, nicht gefährlich und möglicherweise katastrophal, dann muß dieses Verhältnis auch ein Kooperationsverhältnis sein. Wir müssen übermäßige Stimmungsumschwünge in unserer Öffentlichkeit vermeiden – von der Euphorie, wenn die Dinge gut gehen, zur Verzweiflung, wenn sie nicht gut laufen, von übertriebenen Gemeinsamkeitsvorstellungen zur offenen Bekundung von Feindseligkeit."

Soviel Entspannung wie möglich, soviel Härte wie nötig, im übrigen keine Hektik – die Botschaft, vom Präsidenten eigenhändig in seiner Bergzuflucht Camp David formuliert, läßt sich hören. Sie sollte auch die Meinungsverschiedenheiten dämpfen, die in Washington vor allem zwischen Carters Sicherheitsberater Brzezinski und seinem Außenminister Vance aufgebrochen waren. Brzezinski wollte eine härtere Linie, eine Art neuer Eindämmungspolitik, vor allem in Afrika, auch wenn dies die Aussichten auf ein zweites Salt-Abkommen beeinträchtigen sollte; Vance hielt trotz des sowjetisch-kubanischen Einsickerns auf dem Schwarzen Kontinent daran fest, daß der direkte Draht Washington–Moskau nicht abreißen dürfe und weitere Rüstungskontrollabkommen mit den Sowjets im dringlichen amerikanischen Interesse liegen.

Es geht dabei nicht nur um Unterschiede der politischen Temperamente – Brzezinski ist ein erregbarer Ideologe, Vance ein dickfelliger Pragmatiker. Es geht auch um fundamental verschiedene Urteile über die sowjetische Afrikapolitik und die amerikanischen Reaktionsmöglichkeiten. Der Sicherheitsberater, historisch bewandert und geopolitisch geschult, redet seit langem von einem amerikanisch-sowjetischen "Faschoda" – einem Zusammenstoß der Supermächte in Afrika, der dem britisch-französischen Konflikt von 1898 um den Oberen Nil vergleichbar wäre; er befürchtet, daß die Sowjets drauf und dran seien, sich in einem afrikanischen Staatengürtel vom Horn bis Angola einzugraben; sein Stab hält Beiseitestehen für fatal.

Der Außenminister hingegen warnt den Präsidenten davor, sich seine Afrikapolitik von den Krisenschlagzeilen diktieren zu lassen; er will keine rein negative Politik, die nur auf sowjetische oder kubanische Einmischung reagiert, sondern eine positive, die auf die Lösung jener Probleme gerichtet ist, die überhaupt erst die Vorwände zur Einmischung schaffen,