Von Gerhard Prause

Nun ist auch Gott Bes, der zwergwüchsige, auf Reisen. Nacktarschig und mit krummen Beinen, nur den Oberkörper mit einem Pantherfell bedeckt, kam er aus dem Nilland, wo er Jahrtausende hindurch so überaus beliebt war, weil er mit seinem Schreckgesicht und der lang herausgestreckten Zunge (die ihm allerdings irgendwann weggebrochen ist) Feinde und allerlei Gefahren abzuwehren vermochte und insbesondere die Gebärenden schützte. Er kam nach Essen in die Villa-Hügel-Ausstellung „Götter – Pharaonen“, um da (bis zum 17. September und später in München, Rotterdam und Hildesheim) zusammen mit seiner ebenfalls zwergwüchsigen Frau Beset, der Göttin des Tanzes und der Musik, und 173 anderen Ausstellungsstücken aus den Museen von Kairo und Alexandria noch mehr Freunde für Ägyptens alte Kultur zu gewinnen, die schon vor zwei Jahrtausenden die Menschen aus dem Staunen kaum herausließ.

Schon damals war Ägypten deswegen ein bevorzugtes Reiseland, vor allem für die Römer, die sich mit ihrer eigenen Kultur zu langweilen begannen. Vom italienischen Puteoli fuhren regelmäßig Schiffe nach Alexandria. Und viele Leute, auch viele Kaiser, besuchten die Pyramiden und die Ruinen von Theben und fuhren den Nil hinauf bis zur Insel Elephantine. Dort, in der südlichen Grenzstadt, bewunderten sie nicht nur den noch unvollendeten großen Ptolemäer-Tempel, unter dessen Fundament deutsche Archäologen kürzlich ein 5000 Jahre altes Heiligtum entdeckten (siehe DIE ZEIT Nr. 12/1978), sondern mehr noch bestaunten sie ein überraschendes Naturereignis, jedenfalls zu Sonnwendzeiten, wenn die Sonne mittags genau senkrecht über der Nilinsel steht, wobei dann zwar alles von ihr beschienen wird, aber zugleich schattenlos bleibt.

Antike Touristen

Auch Ägyptens Königsgräber besuchten die Römer schon, soweit sie ihnen bekannt waren, und da sie schreiben konnten, es aber Postkarten noch nicht gab, kritzelten sie an die Wände der Grabgänge ihre Namen und die Besuchsdaten, und manche verewigten Superlative der Bewunderung. Eine der mehr als hundert Inschriften (im Grab des neunten Ramses) heißt: „Die, welche dies nicht gesehen haben, haben nichts gesehen!“ Und eine andere: „Glücklich sind, die dies geschaut!“ Doch gab es auch Besucher, die sich durch solche Superlative provoziert fühlten. Einer zum Beispiel ritzte in die Wand die Bemerkung, er habe nichts anderes zu bewundern gefunden als das Gestein.

Da schon zeigte sich, wie gefährlich selbst so harmlose Übertreibungen sein können. Um so überraschender ist es nun, daß die Veranstalter von „Götter – Pharaonen“ ihre Ausstellung im Vorwort des ansonsten vorbildlichen Katalogs mit weit gefährlicheren Übertreibungen anpreisen: „Das Beste aus dem Griechisch-Römischen Museum in Alexandria und aus dem Ägyptischen Museum in Kairo wurde in jahrelanger Vorbereitungsarbeit ausgewählt, erforscht und beschrieben, um im Ausland als gültiges Zeichen altägyptischer Kunst und des ältesten Kulturvolks der Erde zu stehen.“ – Das Beste?

Und weiter: „Noch nie zuvor haben sich diese beiden Museen von so vielen ihrer besten Stücke getrennt, noch nie ist eine gültigere Kunstgeschichte Altägyptens in Originalwerken aus dem Ursprungsland gestaltet worden, noch nie zuvor konnte eine Sonderausstellung aus Ägypten auf die hohen Ansprüche des deutschen Publikums abgestimmt werden.“