Sind deutsche Investitionen im Krisenland Türkei noch sinnvoll?

Am Bosporus feierte der Allgäuer Schlepperfabrikant Hermann Fendt aus Marktoberdorf jetzt mit deutschen Journalisten ein persönliches Jubiläum: Vor fünfzig Jahren hatte der damals 16jährige auf Anregung seines Vaters den ersten Motor-Rasenmäher konstruiert, dem schon wenig später der erste deutsche Diesel-Kleinschlepper folgte. Seitdem, hat sein Unternehmen nahezu 300 000 Traktoren produziert, und der Umsatz stieg 1977 auf über eine halbe Milliarde Mark.

Nach Istanbul hätte Fendt nicht eingeladen, weil bei ihm plötzlich „ein besonderer Wohlstand ausgebrochen“ sei, sondern weil er sich davon offensichtlich mehr Schwung für ein Projekt versprach, das er seit einigen Jahren beharrlich – und skeptisch zugleich – verfolgt.

Der im lebenslangen Umgang mit der Landwirtschaft „bauernschlau“ gewordene Familien-Unternehmer möchte einerseits gern auf dem türkischen Schleppermarkt eine tiefe Furche ziehen. Andererseits scheut er das finanzielle Abenteuer, das mit dem Engagement in einem solch hochverschuldeten Land mit galoppierender Inflation verbunden sein könnte.

In den letzten Jahren hatte Fendt davon profitiert, daß „der Bedarf an Traktoren in der Türkei ohne Übertreibung als riesengroß bezeichnet werden kann“. 1975 exportierte er dorthin über tausend Stück, und 1976 waren es fast 1200. Doch als die Türken im Februar letzten Jahres unter dem Zwang der Zahlungsbilanzdefizite einen Devisen-Transferstopp verhängten, kam Fendts Türkei-Geschäft fast ganz Zum Erliegen. Nur zweihundert Fendt-Traktoren fanden 1977 noch den Weg ins Land, und von den erzielten Erlösen wurden acht bis neun Millionen Mark vorerst „eingefroren“.

Dem Allgäuer Fabrikanten war schon bald klar geworden, daß er auf die Dauer um eine eigene Fertigung (zumindest eine Montage) in der Türkei nicht herumkommen würde. Bestärkt wurde er darin durch seinen langjährigen Geschäftspartner, die Ahmet Veli Menger Holding S.A. in Istanbul. Die einflußreiche Firma des 87jährigen Menger, eines in Kasachstan geborenen ‚Rußland-Türken“, ist bereits mehrere erfolgreiche joint-ventures mit so renommierten deutschen Unternehmen wie Daimler-Benz, Bosch und VDO eingegangen. Geleitet wird sie heute von Mengers 50jährigem Schwiegersohn Izzet Imre, einem Doktor der Medizin, der jahrelang im Schwabinger Krankenhaus in München als Arzt gearbeitet hat, ehe er dem Drängen seines Schwiegervaters folgte.

Der kontaktfreudige Imre hat erreicht, daß Fendt bereits 1976 gegen harte internationale Konkurrenz eine Lizenz zum Bau von Traktoren erhalten hat. In Istanbul wurde dafür die Firma Antrak gegründet, die in Kulu, gut hundert Kilometer südlich von Ankara, auf einem bereits gekauften Grundstück von 300 000 Quadratmeter die Schlepperfabrik bauen soll.