Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Nachricht von nur lokaler Bedeutung: Das Hamburger Verwaltungsgericht hat verkündet, daß mit dem Bau einer knapp einen Kilometer langen Demonstrationsstrecke für eine Magnetschwebebahn vorerst nicht begonnen werden darf. Zunächst muß über die Klage einer Bürgerinitiative entschieden werden.

Doch das Urteil ist von mehr als nur lokaler Bedeutung. Was in Hamburg im regulären Einsatz erprobt werden sollte, gehört in den Bereich der Zukunftstechnologie. Magnetschwebebahnen könnten einmal mit Geschwindigkeiten von mehreren hundert Kilometern in der Stunde Fracht und Passagiere nahezu geräuschlos und ohne sonstige Schäden für die Umwelt transportieren. Sie könnten zudem zu einem Exportschlager werden, der für Tausende von Arbeitsplätzen sorgt. Aus diesen Gründen hatte auch das Bundesforschungsministerium 25 Millionen Mark für die Versuchsstrecke zur Verfügung gestellt. Mehrere Millionen davon sind schon verbaut – vergeblich, denn bis zur Internationalen Verkehrsausstellung 1979 kann die Bahn nun nicht mehr fertiggestellt werden.

Der ganze Aberwitz der Aktion wird aber erst deutlich, wenn man weiß, daß die Bahn nur während dieser Ausstellung – ganze drei Wochen lang – in Betrieb sein sollte. Danach wäre die Versuchsstrecke wieder demontiert worden. Aber eine Handvoll Bürger nahm Anstoß, weil die Schwebebahn an einer Stelle einem Wohnhaus auf 5,50 Meter nahe gekommen wäre. Zwar konnten die Ingenieure nachweisen, daß die Geräusche den normalen Straßenlärm nicht übertönen würden, aber sicher ist, daß die Aussicht (welche in dieser Gegend?) für einige Zeit behindert worden wäre. Auch hielt es das Gericht für „denkbar, daß der Betrieb der Magnetschwebebahn die Gesundheit des Antragsteller beeinträchtigen kann“.

Das erinnert fatal an die Urteile von Experten, die aus ähnlichen Befürchtungen heraus einst forderten, daß die Gleise der neumodischen Eisenbahnen durch hohe Bretterzäune den Blicken von Passanten entzogen werden müßten, da diese vom Anblick des dahinrasenden Zuges andernfalls wahnsinnig werden könnten.

Daß das Gericht unbeeindruckt von allen wirtschaftlichen Interessen Recht gesprochen hat und daß sich ein kleines Häuflein von Bürgern in unserem Staat gegen die Phalanx der staatlichen Behörden und eines Konsortiums namhafter Firmen durchsetzen kann, ist großartig. Die Behörden haben Fehler gemacht und sind für die Rechtswidrigkeit ihres Planfeststellungsbeschlusses verantwortlich.

Erschreckend und beschämend ist aber, daß diese Bürger ein paar Unbequemlichkeiten von kurzer Dauer zum Anlaß genommen haben, auf ihr Recht zu pochen – egal was es kostet, egal was dabei auf dem Spiele steht. Erschreckend ist auch, daß so viele andere Bürger in oft weit entfernten Stadtteilen ohne langes Nachdenken ihren Namen auf die Unterschriftslisten dieser egoistischen Rechthaber gesetzt haben.

Selten ist so deutlich geworden, was viele Bürgerinitiativen trotz ihrer großen Sprüche sind: ein kleinlicher Interessenklüngel, der nichts anderes als den eigenen Vorteil im Auge hat. Schade, daß andere Bürgerinitiativen, die einen moralischen Anspruch darauf haben, daß ihre Motive selbst dann ernstgenommen werden, wenn man ihren Argumenten nicht folgen kann, mit den Selbstsüchtigen so leicht in einen Topf geworfen werden. Michael Jungblut