Von Jes Rau

Eigentlich müßte es ein rauschendes Fest werden: Die Ford Motor Company in Detroit, nach General Motors der zweitgrößte Autokonzern der Welt, wird 75 Jahre alt. Das vergangene Jahr schloß der Konzern zudem mit einem Rekordgewinn von 1,67 Milliarden Dollar ab. Und auch 1978 verspricht geschäftlich ein gutes Jahr zu werden.

Dennoch ist niemandem in der Chefetage der Ford-Zentrale zum Jubilieren zumute. Henry Ford und sein Management sehen sich seit Monaten heftigen Angriffen ausgesetzt:

  • Ein Aktionär hat Henry Ford und neunzehn Spitzenmanager angeklagt, sich Firmengelder in Millionenhöhe zugeschanzt zu haben.
  • Die Ford-Unternehmensführung steht im Verdacht, die Zahlung von Bestechungsgeldern an einen indonesischen General verschleiert zu haben.
  • Unfallopfer klagen die Ford Motor Company an, bei der Konstruktion des Kleinwagens „Pinto“ vorsätzlich tödliche Verbrennungen von Hunderten von Pinto-Passagieren in Kauf genommen zu haben.

In der erstgenannten Klage wird Henry Ford unter anderem vorgeworfen, er habe einem Unternehmen die Konzession für die Versorgung der Ford-Betriebskantinen gegen ein Bestechungsgeld von 750 000 Dollar eingeräumt. Außerdem lasse sich Ford die laufenden Kosten für ein Luxusappartement in New York in Höhe von jährlich 80 000 Dollar von der Firma bezahlen. Die Vergabe von Aufträgen im Werte von 1,2 Millionen Dollar an die Designerfirma seines Schwagers sei reiner Nepotismus. Überdies sei sein, Jahresgehalt von 922 000 Dollar eine Vergeudung von Firmengeldern.

Derartige Vorwürfe treffen einen Mann, der in seinem Firmenimperium wie ein absoluter Monarch herrscht. Als Henry Ford „der Zweite“ ist er in der Öffentlichkeit bekannt. Die königliche Titulierung ist keineswegs unangemessen. Ähnlich wie Nelson Rockefeller verkörpert Henry Ford II. den amerikanischen Kapitalismus alter Prägung. Während sich andere Abkömmlinge kapitalistischer Herrschergeschlechter heute damit begnügen, die Coupons ihrer Aktien zu schneiden und sich ansonsten dem Gesellschaftsleben zu widmen, hat der Enkel des legendären Firmengründers der Ford Motor Company die Zügel immer noch fest in der Hand. Das sich zwischen Indonesien und Köln am Rhein ausbreitende Reich aus Ford-Autofabriken schafft zwar nur zwei Drittel der Umsätze, die vom weltweiten Imperium des %General-Motors-Konzerns (GM) gemeldet werden. Dennoch ist der Ford-Boß ein weit mächtigerer Mann als sein Kollege von GM. Das läßt sich schon an der Länge ihrer Regierungszeiten ablesen. Bei General Motors sitzt in der Regel alle fünf Jahre ein anderer Mann hinter dem Chef-Schreibtisch. Henry Ford II. hingegen regiert nun schon seit 33 Jahren. Er ist „Vorstandsvorsitzender“ (Chairman) und besitzt den Titel des Chief Executive.

Bei General Motors werden wichtige Entscheidungen vom gesamten Spitzenmanagement in Teamarbeit getroffen. Bei der Ford Motor Company hingegen besteht nie ein Zweifel, wer das letzte Wort hat: Henry Ford II. Auch die jetzt bekanntgegebene Bildung eines Triumvirates aus drei „gleichberechtigten“ Mitgliedern, zu dem neben Ford der Generaldirektor (President) Lee Iacocca und der stellvertretende Vorstandsvorsitzende (Vice Chairman) Philipp Caldwell gehören, hat daran wenig geändert.