München

Die Lampen am Eingang sind zersplittert, die Türen verschmutzt, von der bunten Fassade, die noch immer jeden Ästheten beleidigt, zieht sich in dicken Schlieren Dreck bis zum Boden hinunter. Der gespenstische Anblick wird den Münchnern bald ein- für allemal erspart bleiben.

In diesen Wochen wird das popfarbene Pleitezentrum Schwabylon endlich zu 100 000 Kubikmetern Beton-, Glas- und Metallschutt verarbeitet – als Sinnbild einer gigantischen Fehlinvestition, die auf dem vermeintlich goldenen Boden der nacholympischen Jahre gedieh. Und es kam wohl nicht ganz von ungefähr, daß die ersten lebenden Bewohner der popfarbenen Geisterstadt an der Schwabinger Leopoldstraße ein Dutzend Haie waren, die im Nachtclub des Schwabylon in einem Panzerglas-Aquarium umherirrten, aus dem sie sich allerdings bald durch Tod verabschiedeten.

Gestorben ist die Investitionsruine, die kann ein Münchner mochte, ziemlich langsam. Als der ehemalige Augsburger Landmaschinenhändler Otto Schnitzenbaumer Anfang der siebziger Jahn durch Public Relation-Agenten unters Volk streuen ließ, er sei „im entscheidenden Winkel seiner Seele Schwabinger“, mochte noch niemand daran glauben, daß Schnitzenbaumer dies gleich mit seiner „Freizeitstadt Schwabylon“ in Glas und Beton demonstrieren würde.

Doch der Unternehmer fand Finanziers – zwar nicht bei den vorsichtigen Bayern, sondern in der Hessischen Landesbank, die mit ihrem Großmut später erhebliche Schwierigkeiten bekam. Für 160 Millionen Mark stand der wuchtige Stadtklotz im November 1973 plötzlich an der Straße, belegt mit bunt emaillierten Metallplatten und trotz einer gescheiterten Einweihungsfeier umflort von den blumigen Lobeshymnen der Werbeleute.

Just die skizzieren denn auch das Talmi-Phänomen der zehntausend Quadratmeter großen Ladenstadt, des Platzes „Agora“, der Restaurants, Sauna und Eislaufbahn am besten. Nur selten nahmen professionelle Jubler den Mund So voll wie beim Schwabylon, das nicht etwa ein etwas außergewöhnlicher Einkaufs-, Freizeit- und Wohnkomplex mit 800 Appartements sein sollte, sondern „ein Programm, ein Impuls, ein Beitrag für Städtebau von morgen und übermorgen“.

Wenn auch halb München laut auflachte, die Werber waren zuversichtlich, denn für sie bedeutete „Schwabylon der Rahmen, in dem das Leben von morgen vor sich gehen soll und wird“, und der Architekt der Freizeitstadt, der Züricher Professor Justus Dahinden, stilisierte den container-förmigen Klotz sogar zu einem „urbanosozialen Experiment“ hoch, dessen „geschlossener Architekturraum zu jeder Tages- und Nachtzeit die Machbarkeit eines gezielten audio-visuellen Milieus zuläßt“. Dahinden: „Damit ist es möglich, Atmosphäre, Stimmung, Überraschung zu schaffen und eine Gefühlskultur zu erzeugen, die in den meisten Öffentlichkeitsbereichen unserer gewachsenen Städte fehlt.“

Daß mit gewachsenen Städten nicht zu spaßen ist, merkten die Mieter der Boutiquen und Läden im ewigen Kunstlicht des Schwabylon schon bald. Sie waren denn auch als erste überrascht, als Kunden und Umsätze ausblieben. Bald rasselten die Jalousien vor den ersten Ladentüren für immer herunter. Der Superbau verödete schließlich, als 100 Ladenbesitzer in einer spektakulären Gemeinschaftsaktion zum Auszug aus dem klimatisierten Kasten bliesen. Im Schwabylon herrschte fortan jene Grabesruhe, die heutzutage manche Goldgräberstadt im wilden Westen so romantisch macht.

Um so turbulenter ging es in den Appartmenthäusern zu. Dort war die Polizei täglich Gast, um Messerstechereien, Drogenhandel und Prostitution Herr zu werden. Inzwischen sind dort neue, ruhige Mieter eingezogen. Sie können bleiben, die Häuser werden nicht abgerissen.

Dennoch erfüllte sich vorerst wenigstens eine Prophezeiung des Eröffnungstages, an dem es so drohend geheißen hatte: „Schwabylon wird stehen wie ein Monument.“ Zwar stand es beileibe nicht „wie eine Vision, lichtüberstrahlt wie der Broadway, lebendig wie Venedig in der Hochsaison“. Doch deutsche Wertarbeit verhinderte, daß der bunte Klotz abbröckelte wie sozialer Wohnungsbau. So blieb denn nichts anderes übrig, als neue Nutzungsmöglichkeiten zu erwägen: Mal sollte in den dunklen Ladenstraßen ein „Tradecenter“ untergebracht werden, mal erbot sich ein Münchner Kaufmann, das „Monument“ zu zerlegen und einer oberbayerischen Gemeinde als Stadthalle anzudienen.

Doch alle Pläne scheiterten. So wird der famose „Beitrag für den Städtebau von übermorgen“ nun schon heute in Schutt und Asche gelegt, um Platz zu machen für den nüchternen Zweckbau, in dem sich eine Versicherung etabliert. Die riesige Sonne an der Stirnseite des Schwabylon, „das urbane Großsymbol einer kosmischen Zurichtung“ (Dahinden), wird niemand vermissen. Sie hat ohnehin nie geleuchtet. Rolf Henkel