Von Sibylle Zehle

Vom Titelblatt des Stadtprospektes lächelt eines der obligaten T-Shirt-Mädchen mit bedruckter Brustpartie: „Beautiful Ludwigsburg“. Den Oberen der schwäbischen Kreisstadt, die sich sonst brav stabreimend mit dem Slogan „Liebenswürdiges Ludwigsburg – eine Rosette aus reichen Reizen“ schmückt, hat der Spruch auf dem Busen dann auch sogleich mißfallen. Der Verkehrsdirektor war in seinem Jahresbericht genötigt, aufklärend darauf hinzuweisen, daß „selbst Mozart auf dem Motorrad oder Goethe am Fenster eines TEE“ in der weltweiten Fremdenverkehrswerbung wohlgelitten seien.

Derlei auch schon angemottete Reklamegags scheint Ludwigsburg gar nicht nötig zu haben. Das „Blühende Barock“, einer der wohlbestelltesten Gärten Europas, leuchtet aus dem Werbekatalog aus Württemberg: Blumenfelder, die wie Teppiche ausgebreitet sind und in sich gemustert, wie Stoffe aus Brokat. Inmitten der Farbenpracht ein mächtiges Schloß in zartem Gelb, klar in der Form, verspielt im Detail: Deutschlands größtes. Barockschloß, ein schwäbisches Versailles. Und dazu das Programm „Ludwigsburger Schloßfestspiele“ und auf fast jeder der vierzig Veranstaltungen der stolze Stempel: „Ausverkauft“.

Der herbeigereiste Festspielgast kann sich mit seiner Bitte um telephonischen Weckruf (Samstag, 9.30 Uhr) beim Wirt von Ludwigsburgs renommiertem Hotel „Alte Sonne“ nur bedingt Gehör verschaffen: „Sie standet om achte eh aufrecht em Bett!“ Wie das? „Morge isch’s laut“, folgt die beruhigende Versicherung, „morge hend mir Markt.“ – Doch auch Lärmresistenten ist samstags jede Langschläferei vergällt: Pünktlich um 11 Uhr schließt das einzige Hotel der gehobenen Klasse im Zentrum der Stadt jeweils fürs ganze Wochenende seine Pforten. Die Woche über, so die soliden Überlegungen von Hotelier Benzing, sei genug zu tun mit den Geschäftsleuten. – Und die Festspielgäste? – „Die bringet mir kei goldne Nas’.“ Langsam keimt so die Erkenntnis, daß die Stadt der Schlösser und Gärten einen ganz eigenen Umgang mit dem Fremdenverkehr pflegt.

Anderntags steigen wir Ludwigsburg erstmal aufs Dach. Dort hinauf, zum Südturm der evangelischen Kirche, trägt der Wind den Duft von frischen Blumen und reifem Butterkäse, Markttag ist ja drunten, und zwischen all den buntgetupften Sonnenschirmen schleppen Hausfrauen giftgrüne Rhabarberstengel gleich bündelweise und hocken Marktfrauen behäbig auf leergekauften Spargelkisten. Wie jeden Mittag dann blasen die „Stadtzinkenisten“ ihren Choral vom Turm – „Das walte Gott, der helfen kann“ –, als sei man mitten im--Herzen einer uralten, urfrommen, urwürttembergischen Stadt.

Daß dem beileibe nicht so ist, schwäbische Schaffigkeit und biederer Bürgersinn hier zwar feste Wurzeln geschlagen, aber keineswegs ihren Ursprung haben, zeigt ein einziger Blick ins Rund: Keine malerisch verwinkelten Gäßchen, keine Erkerromantik, kein Fachwerkhäuschen-Idyll; dafür kerzengerade Straßen, uniforme Häuserzeilen, wuchtige Kasernenbauten, Stadtpaläste – und ein Marktplatz von kühner Weite und klarer Schönheit: Strenge, nur von Arkaden umsäumte Häuser: bilden das Geviert, haben und drüben bestimmt von den schlichten, blaßrosa und weiß gefaßten Fronten zweier Kirchen.

Denn die Stadt mit ihren-heute 83 000 Einwohnern ist nicht? als eine künstliche Schöpfung nach mathematisch ausgetüfteltem Plan. Ihre Geburt vor 274 Jahren – damals konnten Esslingen oder Ulm bereits auf eine über tausendjährige Geschichte zurückblicken – verdankt sie allein dem Übermut eines absolutistischen Fürsten, der schieren Sehnsucht nach vergnüglicher Zerstreuung; ein Umstand, der – für sich genommen – schon schmerzlich wiegen kann im schwäbischen Land.