Aller Anfang ist schwer, aber er muß einmal gemacht werden, sagte sich das Londoner Arbeitsministerium. Und so preist es sich nun für erste Erfolge im Durchbrechen traditioneller frauenfeindlicher Berufsbarrieren. In einer Werbekampagne für die nach Ansicht der Behörde positive Anwendung des Gleichberechtigung verheißenden sex discrimination act von 1975 wird Miß Sally Calvert vorgestellt, die erste Frau auf einer ölbohrinsel in der Nordsee. Was sagt Miß Calvert zu der Aussicht, in der Nähe des Polarkreises sieben Tage hintereinander Zwölf-Stunden-Schichten leisten zu dürfen: „Ich wollte immer schon auf einer Bohrinsel arbeiten, und ich hoffe, daß ich die Tür für andere Frauen aufstoße.“

Auch unter den Tierschützern stehen die höheren Positionen nicht mehr unter Naturschutz für Männer. Lynn Castle wurde jetzt der erste Inspektor eines ganzen Kreises. Frauen durften bisher nur die Tiere pflegen oder Ställe säubern. Die Arbeit eines Inspektors hielt man für zu anstrengend für sie. Das ist nun vorbei. Vorbei ist auch die maskuline Exklusivität in den Docks. An den Kaimauern tummeln sich Frauen, jedenfalls im Kriegshafen Chatham. Mrs. Rita Spinks und Mrs. Valerie Rydale hieven Waffen und Munition auf Kriegsschiffe. Und in der Werkstatt hat Miß Marion Rodgers mit ihrer Schweißerlehre begonnen.

Das Gefängnis Wormwood Scrubbs in London erlebte jetzt sogar eine regelrechte Revolution. Diese Verwahr-Anstalt mit ihren 1500 männlichen Bewohnern erhielt in Gestalt von Mrs. Pat Alburquerque, Mutter von zwei Kindern, ihren ersten weiblichen Direktor.

Wie schlimm muß es in Wirklichkeit um die Frauen stehen, wo solcherlei Meldungen Schlagzeilen machen. Man nehme nur das Industrieministerium und das Handelsministerium. Für deren Personalchefs scheinen Frauen kaum zu existieren. Die Kommission für Chancengleichheit hat nachgezählt und Industrieminister Eric Varley vorgehalten, daß von seinen 483 Einstellungen ganze elf auf Frauen entfielen. Handelsminister Edmund Dell fand nur dreizehn Damen für die 280 Posten, die er zu vergeben hatte. Die Kommission zeigt sich besonders deshalb so enttäuscht, weil doch die Regierung so viele schöne Gesetze gegen Diskriminierung und für gleiche Chancen gemacht hat. Ausgerechnet Sprecherinnen der beiden Häuser fiel es zu, zu erklären, daß das alles mit Diskriminierung nichts zu tun habe sondern damit, daß einfach nicht genügend qualifizierte Frauen zur Verfügung ständen.

Richtig ungemütlich wurde es mit den Frauen jüngst mal wieder bei El Vino. Die Weinbar in Fleet Street, wo sich mittags Journalisten treffen, um Infomationen, Geschwätz und Gerüchte auszutauschen, erlebte den Protestmarsch von fünfzig Personen, die – obwohl zum Teil in Anzug, Hemd und Krawatte – eindeutig weiblichen Geschlechts waren. Ihre Aktion „Frauen gegen Ritterlichkeit“ veranlaßte einen Stammgast zu einem demonstrativen Gang zur Damentoilette, die Polizei zum Eingreifen und den Manager zur Schließung des Lokals.

El Vino eine Bastion männlichen Dünkels? Viel schlimmer: An der Bar von El Vino erhalten Frauen nichts zu trinken. Für das Management ist dies ein Gebot der Höflichkeit und Ritterlichkeit. An der Bar nämlich herrsche immer ein schreckliches und natürlich männliches Gedränge, in dem herumgeschubst zu werden, den Damen einfach nicht zuzumuten sei. Wenn sie trinken möchten, dann sollten sie das – bitte sehr – in dem sich anschließenden Raum mit Sitzgelegenheiten tun. So kam es denn zum Prozeß. Und der natürlich männliche Richter Ruttle zeigte sich beeindruckt von den Argumenten des ritterlichen Bar-Managers Christopher Mitchell und wies die Klage kostenpflichtig ab.

Unterdessen wird auch an der Gleichberechtigung des Mannes gearbeitet. Der erste männliche Durchbruch zur Spitze eines Frauengefängnisses ist zu verzeichnen. John Yates hat auf sechzig Insassinnen in Cookham bei Rochester aufzupassen. Daß die Sex-Diskriminierung wirklich keine einseitige Angelegenheit ist, zeigt auch das Beispiel von Robin Bowyer und Edward Redworth. Sie sind die ersten männlichen Hebammen (Hebammer?) in Großbritannien. Für Mr. Bowyer ist entscheidend, daß er so den Beruf seiner Wahl ausüben kann. Die Gleichberechtigung, des Mannes ist nämlich eine ernste und wichtige Sache.

Wilfried Kratz