Noch steht, wenn es um Fußball-Weltmeisterschaften geht, Nordamerika ziemlich abseits. Vielleicht ändert sich das bald. Bei der Propagierung des „Soccer“ entwickeln vor allem die Manager des New Yorker Klubs Cosmos immer neue Ideen. Unser Mitarbeiter hatte Gelegenheit, an Ort und Stelle im Cosmos-Stadion den „Franz Beckenbauer Day“ mitzuerleben.

Die beiden riesigen Anzeigetafeln im Giant’s Stadium lassen erst gar keinen Zweifel darüber aufkommen, was wann, wo und wie läuft. Wenn eine halbe Stunde vor Spielbeginn die hübschen Cosmos-Girls im Rhythmus der Lautsprechermusik über das Rasensurrogat aus grünem Kunststoff tänzeln, dann hat der Mann am Schaltpult der Anzeigetafeln seinen ersten Einsatz: „Giv’ em a Hand!“ schreit es daraufhin in riesigen Leuchtlettern vom Stadionrand herunter. Die Fans des Fußballclubs Cosmos New York folgen der Aufforderung unverzüglich. Bierbecher und Popcorntüten werden beiseite gestellt, Applaus brandet auf. Die Digitalschrift wechselt; „This ist Cosmos Country“ heißt es jetzt, und das bringt natürlich sofort neuen Beifall, der von den Girls auf der grünen Auslegware als Stimulans für weitere Show-Einlagen aufgefaßt wird.

Die Anhänger des nordamerikanischen Soccer-Meisters sind in bester Wettkampfstimmung. Und sie kommen in immer größeren Scharen. Fast völlig ausverkauft war das Giant’s Stadium am vorletzten Sonntag im Mai: Die 71 219 Zuschauer setzten eine neue Rekordmarke in der NASL, der North American Soccer League. Diese Zahl ist ein weiterer Beweis dafür, daß Amerikas Kicker längst nicht mehr als Alleinunterhalter vor leeren Rängen agieren. An fast allen amerikanischen Universitäten formieren sich weitere Mannschaften. Unter vielen Studenten, vornehmlich europäischer Abstammung, gilt Soccer mehr und mehr als chic.

Ob die 71 219 Fans nur gekommen sind, um ihre Lieblingsmannschaft gegen die Elf der Seattle Sounders siegen zu sehen, ist indes nicht eindeutig zu belegen. Für diesen Tag hatten-sich die geschäftstüchtigen Cosmos-Manager nämlich wieder einmal etwas Besonderes einfallen lassen. Sie riefen den 21. Mai 1978 kurzerhand als „Franz Beckenbauer Day“ aus, bepflasterten Manhattan mit Werbeplakaten und lancierten das „Ereignis“ geschickt in die Presse. Sogar die New York Times, deren Redaktion bis vor etwa zwei Wochen Soccer fast völlig ignorierte, widmete dem Tag des „Kaisers“ einen immerhin fünfspaltigen Aufmacher auf der Sportseite.

Um dem „Fraaanz“, wie ihn seine Fans in Amerika liebevoll nennen, zu gratulieren, reist Altstar Pete eigens aus Brasilien an, der deutsche Botschafter in den USA überreicht eine Erinnerungsplakette, und als Hauptattraktion treten die Fischer-Chöre aus Baden-Württemberg auf. Tags zuvor haben die 650 uniformierten Sänger und Sängerinnen noch im Weißen Haus in Washington ein Ständchen für US-Präsident Jimmy Carter gegeben. Im Giant’s Stadium trällern sie – zum Entzücken der Fußballfans – die deutsche Nationalhymne.

Da ist der Kaiser natürlich gerührt. Er beschreitet das Rednerpult, dankt artig für all die Ovationen und verspricht, weiter fleißig zu trainieren, damit Cosmos wieder Meister wird. Sozusagen als Zugabe läßt er dann noch den schönen Satz los: „I love New York!“ Daß das nicht nur eine Phrase ist, darf man Franz Beckenbauer bei seinem monatlichen Einkommen von rund 145 000 Mark glauben. In München hat er nämlich noch nicht einmal die Hälfte kassiert.

Dann endlich der Anpfiff. Beckenbauer erhält an der Mittellinie den Ball zugespielt und zieht los in Richtung gegnerisches Tor. Das ist das Signal für die Zuschauer: „Go, Fraaanzi, go!“ schallt es durch das Stadion. Und Fraaanzi geht und zaubert – und verliert den Ball. Doch das ist gar nicht schlimm, denn der Mann an der Anzeigetafel hat ja aufgepaßt. „Defense“ läßt er blitzschnell aufleuchten – „Verteidigt“. Das machen die Cosmos-Kicker denn auch. Der Torwart fliegt und hält. „Great save“, gut pariert, kommentiert die Leuchtanzeige. Für alle, die den Spielzug nicht miterlebt haben, weil sie gerade eine neue Portion Hamburger von den zahlreichen Imbißständen geholt haben oder ganz einfach die Szene gern noch einmal sehen wollen, weil sie so eindrucksvoll war, wird die Situation via Anzeigetafel schnell wiederholt, manchmal mehrmals und sogar in Zeitlupe.