Britische und niederländische Konzerne kaufen sich am eifrigsten in der Neuen Welt ein

Von Wilfried Kratz

Von seinem Büro in San Diego (Kalifornien) aus geht Geoffrey Cross seit einigen Monaten auf Pirsch. Das Wild, das er aufspüren, und stellen soll, sind Unternehmen der Elektrotechnik und Elektronik. Die Opfer, die der Weidmann auswählt, sollen dann dem Vorstand im fernen London zum Fang präsentiert werden. Denn die General Electric Company (GEC) – nicht zu verwechseln mit der amerikanischen Gesellschaft gleichen Namens – ist fest entschlossen, ihre Präsenz in den Vereinigten Staaten erheblich auszuweiten.

Sir Arnold Weinstock, Managing Director von GEC, hatte schon vor einigen Jahren seinen Blick nach Amerika gerichtet, um die Vermögensanlagen des Konzerns geographisch breiter zu streuen. Erfolg stellte sich jedoch nicht ein. Vielmehr mußte Weinstock zusehen, wie seine europäischen Konkurrenten wie Siemens, Philips, Bosch und Nixdorf sich in der neuen Welt einkauften. Als Cross dann im letzten November als Managing Director bei dem britischen Computerunternehmen ICL mit der Begründung ausschied, er müsse der Gesundheit seiner Kinder wegen in wärmere Gefilde ziehen, griff Weinstock sofort zu und heuerte den Mitvierziger als seinen besonderen Späher an.

Zwar ist, wie ein GEC-Sprecher erklärt, „eine rege Suche im Gange“, aber das richtige hat auch Cross offensichtlich noch nicht gefunden. Doch allein die Ernennung eines speziellen Akquisiteurs ist bezeichnend für den Trend, der sich seit einiger Zeit verstärkt und Großbritannien, immer schon ein traditionell großer Auslandsinvestor in den USA, an die Spitze unter den Auslandsinvestoren in den USA geführt hat.

Die ausländischen Direktinvestitionen in den USA sind insbesondere seit 1973 kräftig gestiegen und dürften nach amtlichen amerikanischen Berechnungen über dreißig Milliarden Dollar erreicht haben gegenüber erst dreizehn Milliarden Dollar 1970. Die drei bedeutendsten Länder mit US-Investitionen von jeweils über sechs Milliarden Dollar sind Großbritannien, die Niederlande (Unilever und Shell) und Kanada. 1976 nahmen die Briten nach den Ermittlungen des US-Handelsministeriums die meisten Direktinvestitionen, nämlich 36, vor. Japan und Westdeutschland folgten mit nicht allzu großem Abstand mit 28 und 26 Erwerbungen.

„Go west“ heißt die Parole der britischen Industrie. Sie sammelt große wie kleine Unternehmen. Der Unilever-Konzern brachte 480 Millionen Dollar auf, um durch den Erwerb von National Starch in neue Gebiete wie Kunstharze, Kleber, Stärke und spezielle Industriechemikalien einzubrechen. Das britische Konglomerat Thomas Tilling teilte jetzt seinen vierten Kauf innerhalb eines Jahres mit: sieben Millionen Dollar für einen Verteiler von Bohr- und Produktionsgeräten für die Ölindustrie. British-American Tobacco – die Holding firmiert mittlerweile BAT Industries – ist schon längst mehr american (50 Prozent der Vermögensanlagen in Nord- und Südamerika) als british (18 Prozent). Sie gibt jetzt noch einmal fast 280 Millionen Dollar aus, um ihr Papiergeschäft durch den Erwerb der US-Firma Appleton Papers abzurunden.