Günter Grass: Der erste Text seit dem „Butt“ – erlebt und erdacht auf einer Reise durch Asien

Er begreift sich umfassender, des Menschen Kopf mißt größer als diese Weltenkugel. Er kann sich und uns aus beliebiger, der irdischen Schwerkraft abgelöster Entfernung denken und umdenken. Er schreibt sich anders vorweg als er sich hinterdrein liest. Des Menschen Kopf ist monströs. Daher diese Verstiegenheit. Deshalb weisen wir, was ja kein Tier (selbst der Vogel nicht) tut, über uns hinaus. So übersteigt uns der kopfgezeugte Fortschritt. Ganz außer uns schnuppern wir unser Glück und irren engherzig in weiträumigen Kopfsystemen; denn immer soll der Mensch mehr sein, als das geschnürte Bündel seiner Anlagen verspricht; immer fordert er sich, weil überfordert größeres ab; immer muß er über sich greifen und die bessere Welt außer der ihm gegebenen Zeit, vorweg seiner Gegenwart suchen.

Solange Menschen unterwegs sind – und sie sind länger auf Suche, als wir Zeugnis von ihrer Existenz haben – versuchen sie, ihre Utopie einzuholen: die kann idyllisch kleingeblümt totale Fürsorge wollen, aber auch Gottesstaat heißen. Während Jahrhunderten lag sie jenseits des Jammertals, dann wurde das Paradies auf Erden gesucht. Nein, mehrere Paradiese, denn eines reichte nicht, um soviel Vorstellung von Gerechtigkeit, Wunsch nach Freiheit, Glaubensstärke, Ordnungswillen, Sucht nach Sicherheit zu fassen. Genug war nie genug.

Also stellt er sich vor, der Mensch mit seinem großen, die Welt übertreffenden Kopf. Und was er sich vorstellt, wird für ihn Wirklichkeit, ist, weil vorstellbar, für ihn faßlich; ich sage: tatsächlicher als die eckigen Tatsachen, an denen er sich täglich sein Knie stößt. Er will wissen und weiß schon im voraus, was hinter den Sieben Bergen stattfindet. Auftrumpfend spricht er von der konkreten Utopie. In allem, selbst im Gemüseanbau sucht er die Perspektive. Und wie das Automobil im Vergleich zum Pferdewagen, so soll auch Cézanne im Vergleich mit Raphael Fortschritt bedeuten. Immer muß das, was ist, größer sein als das, was war; und Kommendes hat vollkommener zu sein als Gegenwärtiges und Gewesenes. Selbst die konservative Wendung: es war früher besser und kann nur schlimmer kommen – ist bloß die Umkehrung monströsen Denkens außer der Gegenwart.

So kann er nicht Ruhe geben, der prometheische Kopf. Seine suchende, streunende, immer auf utopische Spur gesetzte Unruhe nennt er schöpferisch. Also entsteht Neues und Neues aus Neuem. Weil noch nicht selbstherrlich genug und Wolken kein Fundament geben, entstand und entsteht die längste Zeit über Neues und Größeres inmitten Natur, mit Hilfe gefesselter und kontrolliert entfesselter Natur oder schroff gegen die Natur gerichtet: die anorganische Synthetik und die schon gegenwärtige Utopie: Kernkraft durch Spaltung.

Neuerdings entsteht Neues (und Neues aus Neuem) auch außerhalb der erdgebundenen Natur: Satelliten, Weltraumstationen umkreisen uns, verlassen uns, suchen andere Planeten heim, kehren zurück und bringen Erkenntnis für Neues, das in zu großen Köpfen weiterhin Neues vorstellbar macht.

Zum-Beispiel sind Ufos, weil denkbar, auch da und suchen nun uns heim: im Kino und in Wahrheit. Schon hat der neue Gottbegriff untertassenförmig Gestalt gewonnen. Heil oder Heimsuchung wird wieder von außen erwartet. An neuerlichen Erzengeln nach astraler Vorstellung wird gearbeitet. Es soll sich die Erlösung aus dem irdischen Jammertal weltraummäßig ereignen. Schwierigkeiten bereitet einzig die Utopie der Offenbarung Johannes, denn sie ist schwer zu überbieten; und überboten muß werden: um jeden Preis. Wollte ein heutiger Heinrich Schütz die jetztzeitige Sehnsucht nach Erlösung aus dem übervölkerten Jammertal in Motetten fassen, müßte sein Klangkörper noch entfleischter und sphärischer tönen als Schütz’ Hungerchöre während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Das muß doch zu schaffen sein. Endlich können wir es: den Äther singen lassen. Endlich besteht Aussicht, den Wettlauf mit allen in zu großen Köpfen ausgedachten Utopien zumindest bildlich zu gewinnen. Schon gibt es Filme, die unsere letzten und vorletzten Utopien eingeholt und kommerzialisiert haben. Also gehen wir in Familienstärke, paarweis oder als einzelne ins Kino, um unsere Zukunft zu besichtigen. Und wer nicht ins Kino will, weil Filme, auch utopische, in der Regel gekürzt sind, der schlage Bücher auf; denn noch können wir lesen, zwar immer mühsamer, weil unkonzentriert und zwischen Termine gespannt, zwar immer verschämter, weil der altmodischen und ganz zwecklos zeitraubenden Tätigkeit bewußt; aber noch sind die Bibliotheken offen, noch ist Lesen – wenn auch in diesen und jenen Grenzen – erlaubt, noch locken Bücher: besonders verstaubte.