Seit der Ankündigung einer Schenkung der Kunstsammlung Picassos, die auf seinen ausdrücklichen Wunsch nach seinem Tod in den Besitz der französischen staatlichen Museen übergehen sollte, war die Spannung groß.

Es war deshalb dieser Tage ein sowohl mondänes wie kulturelles Ereignis, als im Pavillon de Flore des Louvre die 38 Ölgemälde, ein Aquarell Cézannes, eine Rötelzeichnung Renoirs und zehn Monotypen von Degas ausgestellt wurden. Um die Witwe Jacqueline, die Töchter Marina und Paloma drängten sich Konservatoren und Politiker, „Academiciens“ und „le tout Paris“, Rostropowitch und die Tochter Chagalls sowie der Kultusminister. Diese Bilder sollen einen wichtigen Platz in dem geplanten Picasso-Museum einnehmen, das 1980 in einem Palais des Marais mit den „Picassos“ von Picasso eröffnet wird, die von der Familie als Kompensation der enorm hohen Erbschaftssteuer gestiftet wurden, die sie entrichten müssen.

Die „Donation Picasso“ ist eine persönliche Sammlung des Meisters, aber sie ist nicht die Sammlung eines Sammlers, sondern die eines Malers; was heißt: Picassos Kriterien, Bilder zu sammeln, waren nicht die eines „normalen“ Sammlers (oder wie der einiger Maler-Sammler wie Rubens, Reynolds, Degas). Er wollte bestimmte Bilder um sich haben, auch wenn sie sekundär oder „oeuvres d’atelier“ waren, weil er in ihnen die Schemata der bildnerischen Konstruktion von Künstlern sah, die er bewunderte, oder eine Korrespondenz der Inspiration zu seinem eigenen künstlerischen Schaffen. Dies zeigt sich sowohl in den bewundernswürdigen „Badenden“ von Renois, die Picassos „Géantes“ der zwanziger Jahre ähnlich sind, als auch im „Kopf einer Gemse“ von Courbet, einem Bild minderer Oualität und dubioser Zuschreibung, das für Picasso das Typische der Kunst Courbets illustrierte und seinen eigenen immer wiederkehrenden Tierthemen – Tiere verwundet, leidend, sterbend, tot – verwandt ist.

Die Sammlung wird offenbar beherrscht von der französischen Schule, die von Le Nain bis zu Derain, Braque und Matisse über Corot, Cézanne und Renoir geht.

Einen besonderen Platz nimmt das Ensemble der Bilder des Zöllners Rousseau ein: ein „Frauenporträt“ (1895) wurde von Picasso 1908 bei einem Trödler für ganze fünf Francs erstanden, ein „Selbstporträt“ und „Porträt der Ehefrau“ gehörten zunächst Robert Delaunnay und die extravagante „Offizielle Allegorie der fremden Mächte, die gekommen sind, die französische Republik zu grüßen“. Die zehn Monotypen von Degas sind Bordellszenen und Illustration für „La Maison Tellier“ von Maupassant, deren stilistische und graphische Qualität jedwede vulgäre Erotik ausschließt und die in ihrer gewagten mise en page, in ihrer intellektuellen Demarche Picasso sehr interessiert haben müssen. Es gibt aus den sechziger Jahren Bordellszenen-Blätter von ihm, in denen man die Silhouette Degas’ mit Zylinder (und übrigens auch die Rembrandts) zwischen nackten Frauen und Freudenhausvorsteherinnen erkennen kann. Daß sich Picasso jedoch auch für Maler der jüngeren Generation interessierte, zeigen neben bedeutenden Bildern von seinen Freunden Matisse, Derain und Braque die von Balthus oder Miró.

Von den vielen Festivals der Provinz, die einen kulturellen Ersatz bieten für die erlahmte Hauptstadt, ist das in der „Scheune von Meslay“ unweit der Loire-Stadt Tours ein besonders liebenswertes. Svjatoslav Richter, der russische Pianist, hat es vor mehr als zehn Jahren ins Leben gerufen, als er bei einer Loire-Reise die mittelalterliche Scheune entdeckte, die Ausmaß und Würde einer gotischen Kathedrale besitzt mit ihren zwölf mächtigen Holzpfeilern aus tausendjährigen Bäumen, die ein kompliziertes Gebälk über gestampftem Erdboden tragen. Richter ist nach wie vor der künstlerische Mentor der „Fêtes Musicales en Touraine“, und er begleitet große Sänger wie Fischer-Dieskau, die Janowitz, Berganza oder Grace Bumbry. Solisten vom Rang von Pollini, Eschenbach, Michelangeli oder auch das Beaux Arts Trio kamen hierher zum gemeinsamen Musizieren mit dem russischen Kollegen. In diesem Jahr gibt es an den Wochenenden des 24.-26. 6. und des 29. 6.-2. 7. Bach und Mozart mit Oleg Kagan, Karl Richter, Hermann Prey und dem Mozarteum Orchester unter Leopold Hager. Peter Bermbach